Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
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Wundarzt, Bader, Schmied und wer sonst noch Zähne zog

Spannender Vortrag zur Entwicklung des medizinischen Angebots vom Bader zum Gemeindearzt im Ötztal

Die Medizingeschichte im Ötztal ist kaum bis gar nicht erforscht. Kürzlich stand ein spannender Vortrag mit Geschichten und Anekdoten zur Entwicklung des medizinischen Angebots vom Bader zum Gemeindearzt im Ötztal des 19. Jahrhunderts am Programm des Turmmuseums in Oetz. Klaus Riehle gab Einblick in seine Forschung. Im Fokus des Interesses stand eine Pionierin aus Oetz: die erste österreichische Zahnärztin Emilie Hruschka.
14. Feber 2024 | von Friederike Hirsch
Wundarzt, Bader, Schmied und wer sonst noch Zähne zog
Buchautor Klaus Riehle und Museumsleiterin Edith Hessenberger bei der Präsentation der Publikation „Die erste Zahnärztin in Tirol und Österreich: Erinnerungen der Innsbruckerin Emilie Hruschka 1870 – 1953“ im Turmmuseum in Oetz. RS-Foto: Hirsch
Von Friederike Hirsch

„Die erste Zahnärztin in Tirol und Österreich: Erinnerungen der Innsbruckerin Emilie Hruschka 1870 – 1953“ lautete der Titel des kurzweiligen Vortrags von Klaus Riehle. Anlass war die erstmalige Präsentation seines gleichnamigen Buches. Emilie Hruschka hinterließ ein historisch interessantes und wunderbar zu lesendes Erinnerungsbuch, welches als Grundlage für die weitere Forschungsarbeit von Klaus Riehle diente. Klaus Riehle, Dr. phil., geboren 1963 in Ohlsbach im Schwarzwald, Studium der Islamwissenschaften, lernte Anfang der 90er Jahre in Mailand den Neffen von Emilie, Prof. „Aga“ Hruska, u. a. Leibzahnarzt von Pius XII. und Johannes XXIII. kennen. Viele Gespräche folgten und in Verbindung mit Zeugenaussagen und den Aufzeichnungen Emilies konnte die Publikation realisiert werden. Sie beschreibt eine Zeitreise von den Anfängen der Zahnmedizin in (Süd-)Tirol, Emilies Kindheit in Tirol, die Lehrjahre in der Praxis ihres Vaters, ihre Ausbildung in Paris und Zürich und schließlich ihre Audienz beim Kaiser.

Emilie Hruschka. Es gibt kaum schriftliche Zeugnisse der Medizingeschichte im Ötztal. Die Erinnerungen von Emilie Hruschka stellen dabei eine Ausnahme dar. Grund genug für Museumsleiterin Edith Hessenberger und ihr Team diese Erinnerungen in Form eines Vortrages durch den Buchautor in das Programm aufzunehmen. Am 7. Februar 1870 erblickte Emilie Hruschka in Oetz, wo ihr Vater Joseph als Gemeindearzt tätig war, das Licht der Welt. Sie sollte zur Pionierin werden, denn kaum 20 Jahre später schrieb der Pustertaler Bote: „Durch einen Gnadenakt des Kaisers wurde Fräulein Emilie Hruschka in Innsbruck bewilligt, die zahnärztliche Praxis dort selbst auszuüben.“ Während ihr Vater später als erster Zahnarzt in Oetz „Zum Stern“ beim Schützenmeister Mathäus Schuler für die Ötztaler ordinierte, kümmerte sie sich als junge Gehilfin unentgeltlich um die Armen des Ötztales, „an denen sie ihr Handwerk nicht besser hätte erlernen können“, wie sie immer zu sagen pflegte.

Medizin im Ötztal. Während die Gemeinden Oetz, Längenfeld und Umhausen schon früh einen Gemeindearzt besaßen, wurde diese Stelle in Sölden erstmals im Jahre 1893 ausgeschrieben. Schlechte Bezahlung, keine Sozialleistungen und kein Rentenanspruch waren das Los der Mediziner im 19. Jahrhundert. Es darf daher nicht wundern, dass ärztliche Versorgung in den Tälern kaum gegeben war.  Oetz, Längenfeld und Umhausen waren schon früh mit dieser kompetenten Versorgung gesegnet. Warum in diesen Gemeinden ausgebildete Ärzte ordinierten, konnte in der vorliegenden Forschung nicht geklärt werden. Christian Nösig (Obmann Turmmuseumsverein) vermutet, dass es dabei, wie so oft, um „das liebe Geld“ gegangen sein könnte. Der aufkommende Tourismus mit den ersten Sommerfrischlern könnte damit zusammenhängen.

Kurzweiliger Vortrag. Klaus Riehle nahm die Zuhörer mit auf eine humorvolle, kurzweilige Reise durch die (Zahn-)Medizin-Geschichte im Ötztal und Tirol und durch das bewegte, erfolgreiche Leben der ersten Zahnärztin in Tirol. Mit Geschichten und Anekdoten von Lachgas und Holzhammer, von Handbohrern und Kautabak gab er Einblick in eine Zeit zwischen Kurpfuschern, Wundärzten, Badern und kompetenten Medizinern. Eine Zeit, in der Kautabak zwar die Zahnnerven schützte, aber mit „schwerem“ Werkzeug von den Zähnen entfernt werden musste. In eine Zeit, wo Kräuterelixiere und Wundermittel billiger und gefragter waren als Ärzte. Und in eine Zeit, in der nur eine Handvoll Frauen in vermeintlichen Männerberufen Fuß fassen durften.
Wundarzt, Bader, Schmied und wer sonst noch Zähne zog
Die in Oetz geborene Pionierin – die erste österreichische Zahnärztin – Emilie Hruschka steht im Fokus der Arbeit von Klaus Riehle. RS-Foto: Hirsch

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