Keine neue Heimat

Tiefe Gräben sind auch bei den Kindern unübersehbar und spürbar: „Heimatverräter“ gegen „walsche Verräter“. Foto: Lia Buchner

Tiroler Volksschauspiele starten diese Woche in die Spielsaison – Ein Vorbericht zur Premiere

Wenige Tage vor der Premiere der heurigen Produktion der Tiroler Volksschauspiele „Verkaufte Heimat – das Gedächtnis der Häuser“ lud das Regieteam zu einer Begehung der Bühne in der Telfer Südtiroler Siedlung. Nicht nur die Dimensionen der Kulisse beeindrucken, auch die Historizität des Spielortes ist eindringlich.

Eine Handvoll Kinder tobt über den Vorplatz. Einer der Buben wird von ihnen gehänselt, getreten und in einen Misthaufen gezwungen. Seine Mutter steht hilflos daneben. Die herbeigerufenen Carabinieri versuchen in gebrochenem Deutsch herauszufinden, was los ist, aber der Kleine schweigt voller Scham. Seine Familie heißt jetzt nicht mehr Rabensteiner sondern Pietrocorvo.

Diese kleine Szene der Kinderdarsteller erzählt die ganze Tragik der Optionszeit in Südtirol. Manipuliert, verängstigt und bedroht standen die Menschen vor der unmenschlichen Entscheidung zwischen Heimatboden und sprachlicher Identität. Wer dableibt, verliert Namen und Sprache und muss vielleicht nach Sizilien, wer fortgeht, verlässt sein Haus, seine Nachbarn, sein Tal vielleicht auf immer. Eine sachliche Entscheidung war fast nicht möglich, und so zogen sich Ende 1939 tiefe Gräben mitten durch die Gemeinschaft, oft durch die Familien. Am Ende hatten sich 86 Prozent für das Gehen entschieden, nur um festzustellen, dass sie in der versprochenen neuen Heimat alles andere als willkommen waren. Wie wenig sich die Welt doch ändert.

GROSSE FAMILIENSAGA. In „Verkaufte Heimat – das Gedächtnis der Häuser“ erzählt Felix Mitterer die Geschichte dreier Familien, die in das Räderwerk der Politik und Propagandamaschinerie geraten sind. Das Drehbuch aus dem Jahr 1989 hat er für die Volksschauspiele zum Theaterstück umgeschrieben und eine der Familien in die Telfer Südtiroler Siedlung einziehen lassen. Dass die Siedlung gerade jetzt im Gedenkjahr „80 Jahre Option“ abgebrochen wird, ist ein „Jahrhundertgeschenk für einen Theatermacher“, wie Markus Völlenklee, Obmann der Tiroler Volksschauspiele, anmerkt. Die „Neue Heimat Tirol“ – 1939 gegründet, primär um Wohnraum für die Optanten zu schaffen – hat als Bauträger der Siedlung die Produktion von Anfang an unterstützt, geht es doch auch um die Aufarbeitung der eigenen Firmengeschichte. Die Abrissarbeiten eröffnen einen historischen Schauplatz, der so gar nichts Kulissenhaftes hat: Eine große Eindringlichkeit geht von diesen Häusern aus, welche die Familienschicksale des Stücks so oder ganz ähnlich tatsächlich gesehen haben. Ein Jahrhundertgeschenk auch für das Publikum.

Premiere und Uraufführung von „Verkaufte Heimat – das Gedächtnis der Häuser“ ist am Donnerstag, dem 25. Juli. Die Termine der weiteren Vorstellungen bis 31. August sowie das üppige Rahmenprogramm finden Sie unter: www.volksschauspiele.at

Von Lia Buchner

Für die Volksschauspiele schrieb Felix Mitterer (Mitte) die Telfer Südtiroler Siedlung in sein Stück hinein. Bürgermeister Christian Härting freut sich schon auf die Premiere am Donnerstag dieser Woche. Foto: Lia Buchner

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