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Landeck | Chronik | 5. April 2021 | Von Albert Unterpirker

Mahnwache Zams

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Mahnwache Zams. RS-Foto: Unterpirker
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Landeck  Von Albert Unterpirker
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Vom Christlichen sei bei der Regierung „weit nichts zu sehen“

Viele Mitglieder vom Pfarrgemeinderat, Ordensschwestern, aber auch zahlreiche Bürger und Passanten waren am Mittwoch in Zams vor der Kirche zugegen, um mittels Mahnwache auf die unmenschliche Situation in den Flüchtlingslagern hinzuweisen. Angst vor tätlichen Angriffen oder Zerstörungen seitens politischer Gegner habe man keine. Vom „Christlichen“ sei man in der Bundesregierung weit entfernt.
Von Albert Unterpirker

In Tirol gab es bereits mehrerer solcher Mahnwachen, nun entschloss sich der Pfarrgemeinderat auch in Zams eine solche durchzuführen. Für Dietmar Wolf, Caritas-Regionalverantwortlicher der Dekanate Zams und Prutz, ist klar: „Wir haben gesagt, dass wir ein Zeichen setzen wollen und dafür den Platz vor unserer Kirche nutzen.“ Man wolle sich mit dieser Aktion solidarisch mit anderen Ordensgemeinschaften zeigen, nicht zuletzt mit jener Aktion in Hall in Tirol. Dort hatte der Orden der Tertiarschwestern ein Transparent bezüglich Kinderabschiebungen der österreichischen Bundesregierung angebracht (Wortlaut: „Ich kann und will nicht glauben, dass wir in einem Land leben, wo dies wirklich notwendig ist“, Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Anm.), das dann allerdings in einer Nacht von unbekannten Tätern heruntergerissen wurde. Angst vor Beschädigungen der Aktion oder gar persönliche Anfeindungen aus bestimmten politischen Lagern habe man keine. Aber: „Wenn das in einer Nacht- und Nebelaktion passiert, dann müssen wir das akzeptieren, dann wäre das auch ein Zeichen der momentanen Situation“, so Wolf. Vieles, was derzeit u.a. in Netzwerken unterwegs sei, gründe sich auf Desinformation. „Oder es wird bewusst geschürt, um Stimmung zu machen.“ Würde man sich die Zahlen und Bilder aus den Flüchtlingslagern aber vergegenwärtigen, „und was dort an Menschenrechtsverletzungen passiert“, sei das untragbar. „Österreich war in der Vergangenheit immer ein starkes Land, das in solchen Dingen immer sehr engagiert war, und ich denke, das muss ja jetzt nicht stoppen.“ Er sei kein Politiker, er habe aber sehr wohl eine politische Meinung. „Und warum soll man gerade Kinder oder minderjährige unbegleitete Flüchtlinge ausgrenzen und sagen: Nein, ihr seid jetzt diese Menschen, die wir nicht ins Boot holen bzw. herholen.“ Es gäbe bekanntlich die Forderung, 100 Familien aufzunehmen. „Kirchliche Strukturen könnten sehr gut genutzt werden, „um das bewältigen zu können“, erklärt der Obmann des Pfarrgemeinderats, und fügt an: „Eine gute Integration ist immer ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft.“

UMDENKEN. Auch Sr. Daniela Stolz (Barmherzige Schwestern Zams) schließt sich diesen Aussagen an: „Wir sind der Meinung, dass wir Möglichkeiten hätten. Ich habe letztens vom SOS-Kinderdorf gelesen, wo sie leicht bis zu 100 Flüchtlinge aufnehmen könnten“, so die Ordensschwester. Aber: „So wie es aussieht, hat die Regierung kein Interesse, irgendwie zu helfen. Hilfe vor Ort ist gut, aber zu wenig.“ Auf der anderen Seite müsse man damit rechnen, dass es die Gegner gibt. „Das ist auch ein Zeichen unserer Gesellschaft, meiner Ansicht nach kein gutes, es wird immer mehr in diese Richtung gehen.“ Noch habe man von besagten Gegnern nichts mitbekommen, aber: „Vielleicht kommt’s noch“, sagt Sr. Daniela. Angst vor tätlichen Angriffen auf Ordensmitglieder oder Unterstützer der Aktion habe man dennoch keine. „Man kann sich auch zu Tode fürchten. Wir müssen kommen lassen, was kommt. Ich denke, wir müssen einfach das Unsere tun. Wir haben ja auch vor einigen Jahren, als es die erste Flüchtlingswelle gab, einige Flüchtlinge aufgenommen – solange wir Platz gehabt haben.“ In solchen Dingen sei man sich im Zammer Pfarrgemeinderat einig. „Und wenn die Kirche nicht dafür ist, Menschen zu helfen, wer dann!“ Ziel der Aktion? „Mein Wunsch wäre es, die Regierung zu erreichen – und wenn es da ein Umdenken gäbe. Sie reden zwar immer, sie sind christlich, aber vom Christlichen ist da weit nichts zu sehen.“ Außerdem: „Vielleicht wird die Aktion zu einem Selbstläufer, dass doch manchmal jemand eine Kerze bringt und sie anzündet.“ Zudem gibt es ein Postkästchen, „wo man ein Gebet oder einen guten Gedanken reinwerfen kann. Man kann das auch ganz anonym machen.“ Die Aktion soll vorerst eine Woche laufen. Dietmar Wolf möchte noch klarstellen: „Wer sich um einen Notleidenden kümmert, bringt die Welt zumindest an einem Ort ein wenig in Ordnung.“

MENSCHENWÜRDE. Pfarrer Herbert Traxl betont: „Die Humanität ist eine primäre Aufgabe für uns Menschen und uns Christen. Und Kinder prinzipiell nicht aufnehmen, das geht einfach nicht. Da kann man meiner Meinung nach jeder politischen Hautfarbe sein, aber dass man keine Kinder aufnimmt, das ist einfach nicht einzusehen – und für das wollten wir als Pfarre ein Zeichen setzen.“ Je nach politischem Lager gäbe es zwar diesbezüglich ein Umdenken, in anderen aber weniger bis gar nicht. „Wir haben Handlungsbedarf, und man muss die Stimme erheben, weil wenn keiner etwas sagt oder zeigt, dann lebt man auch damit, dass so etwas nicht ermöglicht wird, was eigentlich leicht möglich wäre“, sagt der Pfarrer. Es gäbe genug Pfarrgemeinden, die ihre Bereitschaft erklärt haben, Kinder aufzunehmen. Würde sich bei der Regierungshaltung nichts ändern, würde auch der christliche Glaube letztendlich Schaden nehmen. „Das ist eindeutig so. Wenn die Humanität für uns nicht mehr Thema und Grund ist, dafür einzustehen, dann weiß ich nicht. Das ist auch immer ein Anliegen Jesu gewesen, dass man den Menschen in seiner Menschlichkeit, in seiner Menschenwürde, in seiner Bedürftigkeit wahrnimmt und sich für ihn einsetzt. Wenn das nicht mehr ist, dann sind wir irgendwo bei einem theoretischen Plafond, der die Leute überhaupt nicht mehr berührt.“ Was sagt er solchen Leuten, die von sich selbst sagen, dass sie Gläubige sind und in die Kirche gehen, aber nicht hinter einer solchen (christlichen) Aktion stehen? „Das Argumentieren ist oft schwierig, mit Argumenten kommt man da schwer ran.“





 
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Sr. Daniela und Dietmar Wolf vor einem kleinen Zelt, das auf kaltem Boden steht – ein Sinnbild für menschenunwürdige Flüchtlingsbehausungen RS-Foto: Unterpirker
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Ein Postkästchen zum Einwerfen für Gebete und gute Gedanken RS-Foto: Unterpirker
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Die Initiatoren der Mahnwache Zams hoffen auf ein Umdenken in der Bundesregierung. RS-Foto: Unterpirker
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