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Landeck | Chronik | 20. Dezember 2021 | Von Irmgard Pfurtscheller

Seele der Pflanzen

Seele der Pflanzen<br />
In der Vergangenheit wurden die Räucherzeremonien im keltischen Jahreskreis durchgeführt. RS-Foto: Pfurtscheller
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Landeck  Von Irmgard Pfurtscheller
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Michaela Thöni-Kohler ZAMS
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Michaela Thöni-Kohler räuchert mit heimischen Kräutern

Die Tage werden kürzer, die dunklen Zeiten nähern sich. Zeit, das alte Ritual des Räucherns wieder ins Leben zu rufen. Kräuterfachfrau Michaela Thöni-Kohler aus Zams gibt interessante Einblicke in diesen uralten Brauch, der auch heute noch gerne praktiziert wird.
Von Irmgard Pfurtscheller

Der Brauch des Räucherns ist wahrscheinlich so alt wie die Nutzung des Feuers. Schon in frühester Zeit wusste man den Rauch von Pflanzenteilen für spezielle Anliegen zu nutzen. Wurde er anfänglich zum Konservieren und Haltbarmachen von Lebensmitteln eingesetzt, wussten unsere Vorfahren aber auch, dass der Rauch von bestimmten Kräutern und Harzen einen Einfluss auf die Atmosphäre hat. Gab es Krankheit und Tod in Haus und Stall, steckte ein Fluch, eine Verwünschung oder Verhexung dahinter. Mit der Hilfe von weisen Frauen und Männern wurden die Räumlichkeiten ausgeräuchert, und mit dem heiligen Rauch wurden die bösen Geister und Dämonen ausgetrieben. Das Räuchern hat in allen Kulturen und besonders in den Religionen eine lange Tradition. Die ersten Schamanen und Medizinmänner sahen den Rauch als Vermittler zu den Göttern und nutzten ihn zur Beeinflussung der Stimmungslage. Im Buddhismus glühen Räucherstäbchen, in Tempeln verströmen Räucherschalen ihre Düfte und auch in der katholischen Liturgie hat das Verbrennen von Weihrauch eine wichtige Bedeutung.

GERÜCHE WECKEN GEFÜHLE. Mit dem Verglimmen getrockneter Kräuter und Harze werden die darin enthaltenden Duftstoffe freigesetzt, die unterschiedliche Wirkungen auslösen können. Das Räuchern wird als Ursprung der heutigen Aromatherapie und Parfümerie angesehen, lautet doch das lateinische Wort für Parfüm „per fumum“, was mit „durch den Rauch“ übersetzt wird. In der Vergangenheit war die Tradition des Räucherns vielseitig besetzt und wurde auch in medizinischen Bereichen eingesetzt, etwa zu Desinfektionszwecken in Krankenhäusern. Doch das alte Wissen findet auch in der heutigen Zeit wieder einen starken Zuspruch. Im keltischen Jahreskreis fanden zu bestimmten Hochfesten und in den Raunächten Räucherzeremonien statt, die sich dann später nach den christlichen Festtagen richteten und auch bei allen wichtigen Lebenslagen, wie Geburt oder Tod, eingesetzt wurden. Im Alpenraum ist es auch heute noch üblich, dass an den Raunächten, zwischen Weihnachten und Christkönigstag, Wohnungen und Stallungen ausgeräuchert werden, um Schutz und Segen für Haus und Hof, Mensch und Tier zu erbitten.

REINIGUNG UND SPIRITUALITÄT. Durch den alchimistischen Vorgang des Verbrennens und Verglimmens der Kräuter und Harze werden Düfte und Essenzen der Pflanzen freigesetzt. Nach einem Zitat von Heinrich Heine sind „Düfte die Gefühle der Pflanzen“, die somit auch auf die Gefühlswelt der Menschen Einfluss nehmen können. Die Gründe für das Räuchern heute haben sich im Gegensatz zu früher natürlich geändert, doch geblieben ist das Vertrauen in die spirituelle Kraft der Pflanzen und die Hoffnung, damit etwas Positives zu bewirken. Kräuterexpertin Michaela Thöni-Kohler weiß nicht nur, welches Kräutlein bei welchem Leiden Linderung verspricht, sondern auch welche Räuchermischung für das jeweilige Anliegen geeignet ist. Das Interesse am Ritual des Räucherns sei nach wie vor vorhanden, doch vor allem während des ersten Lockdowns sei die Nachfrage sehr groß gewesen. Das Räuchern käme aus verschiedenen Gründen zum Einsatz, meist nach Trennungen und Scheidungen. „Altes muss raus, um Platz für Neues zu schaffen“. Auch als Ritual zum endgültigen Abschied nach Todesfällen, aber auch wenn die Menschen das Gefühl haben, „es ist dicke Luft in der Wohnung“. Mit dem Ausräuchern wird eine bessere Stimmung und Atmosphäre erhofft.

DER NASE NACH. Bei der Veranstaltung der Erwachsenenschule Zams fand im Zammer Kräuterstadl eine interessante Einführung in den Brauch des Räucherns statt. „Kräuterhexe“ Michaela Thöni-Kohler ließ alle Teilnehmer die unterschiedlichsten Räucherungen erschnuppern und erfühlen. Was dem einen geruchlich nicht behagte, war vielleicht dem anderen ein Wohlfühlduft. Der persönliche Wohlfühlduft ist individuell und meistens ist auch der Duft, der gefällt, der Duft, der für die Person passt. Die Nase entscheidet was gut tut. Dass auch die Pflanzen am besten passen, die vor der Haustüre wachsen, weiß Thöni-Kohler aus Erfahrung. Ob in Räucherstövchen oder auf Räucherkohle, die richtige Anwendung ist wichtig, um die getrockneten Pflanzenteile und Harze richtig zur Entfaltung zu bringen. Für Anfragen diesbezüglich steht die Zammer Kräuterhexe gerne mit Rat und Tat zur Seite.
Seele der Pflanzen<br />
Kein alter Zopf, sondern geflochtene Pflanzen zum Räuchern RS-Foto: Pfurtscheller
Seele der Pflanzen<br />
Mit einer Feder verteilte Thöni-Kohler den wohltuenden Rauch. RS-Foto: Pfurtscheller
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