Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Landeck | Chronik | 21. Juli 2020 | 11:04 | Von Markus Wechner

Vorzeitiger Almabtrieb

Vorzeitiger Almabtrieb
Auf der Versing Alm wurden mehrere tote Schafe vorgefunden. Foto: Michael Pircher
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Landeck  Von Markus Wechner
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Mehrere tote Tiere auf der Versing Alm im Paznaun

Am 12. Juli wurden die Schafe von der Versing Alm in See wieder ins Tal getrieben. Grund dafür war das Auffinden von toten Tieren, was auf einen begründeten Wolfsverdacht schließen lässt. Nur wenige Wochen nach dem Almabtrieb in Serfaus folgt nun also die nächste Alm im Bezirk, die die Reißleine zieht. Während das Land eine Besenderung des Wolfs vorschlägt, setzt sich der WWF für geeignete Herdenschutzmaßnahmen ein. Übrig bleibt aktuell nur Unsicherheit.
Von Markus Wechner

In der Nacht vom 11. auf den 12. Juli wurde auf der Versing Alm in See vemutlich von einem Beutegreifer großer Schaden angerichtet. Die Almverantwortlichen und Bauern gehen davon aus, dass es sich um einen Wolf handelt. Zur Mittagszeit wurde ein Teil der Schafherde in der Nähe des Dorfkerns entdeckt. Die übermüdeten und verschreckten Tiere wiesen teilweise Kratz- und Blutspuren auf, was den Verdacht auf einen Wolfsangriff nahelegte. Daraufhin wurde mit mehreren Personen eine großflächige Suchaktion gestartet, um die restlichen Schafe zu finden. Nun stehen zehn tote Schafe, ein toter Ochs sowie fünf vermisste Schafe zu Buche (Stand: 19. Juli). Die lebend entdeckten Tiere waren allesamt aufgescheucht und verschreckt. Einige Schafe wurden in Kleinherden vorgefunden, sie wurden im Umkreis von mehreren Stunden Fußmarsch, verteilt über rund 1400 Höhenmeter, entdeckt. Jungrinder, die zuvor noch beisammen waren, wurden auf mehrere Gruppen verteilt vorgefunden. Die Agrargemeinschaft See geht davon aus, dass auch diese Herde in der Nacht auseinandergesprengt wurde und ein junger Ochs bei der Flucht in steiles Gelände in den Tod stürzte. Die Folge daraus war der vorzeitige Almabtrieb von insgesamt 71 Schafen, betroffen sind zwei Bauernfamilien aus See. Verantwortliche der Gemeinden See und Kappl bewerteten anschließend die Sachlage und fordern nun, „alle notwendigen Maßnahmen zum Schutz vor dem Wolf in die Wege zu leiten“.

BEDENKEN UM DIE ZUKUNFT. Nach diesem Vorfall auf der Versing Alm wurden bäuerliche Interessenvertretungen, politische Verantwortungsträger und Wolfsschutzbeauftragte kontaktiert und über die Lage informiert. Die Nerven scheinen nun langsam aber sicher blank zu liegen: „Wir lassen uns hier nicht mit billigen Ausreden abspeisen. Wir sind nicht mehr am Rande dabei, sondern mittendrin“, so Bernhard Pircher, Obmann der Agrargemeinschaft Alpe Versing. Das Thema sei nicht nur ein Problem einzelner Bauern, sondern betreffe auch Wanderer sowie den Tourismus. „Wollen wir weiterhin unsere Almwirtschaft wie bisher betreiben, so hat der Wolf hier keinen Platz! Wir fordern als ersten politischen Schritt die sofortige Entnahme von Problemwölfen in unserem Bezirk und letztendlich eine wolfsfreie Zone in unserem Land“, so Pircher weiter. Aufgrund der Vorfälle in Serfaus und jetzt in See herrscht bei den Bäuerinnen und Bauern, vor allem bei den Schafhaltern, große Betroffenheit und Sorge vor weiteren Schäden durch den Wolf. Die Schafe wurden zwar von der Versing Alm abgetrieben, Kühe, Jungrinder und Ziegen befinden sich jedoch noch auf der Alm. Auch hier werden Schäden befürchtet. Verunsichert sind zudem auch die Besitzer der Pferde, welche sich auf der Nachbar-alm Medrigen-Stiel befinden. Nun wird vonseiten der Agrargemeinschaft eine Entnahme oder zumindest eine Absiedlung der Beutegreifer gefordert. Bernhard Pircher führt seine Bedenken aus: „Ansonsten befürchten wir, dass weitere Bauern und Bäuerinnen mit ihren Tieren den Almsommer vorzeitig beenden. Was dies künftig für Betriebe, den aktuellen Almsommer und die Almsaison 2021 bedeutet, kann hier nur vermutet werden.“

ES BRAUCHT LÖSUNGEN. Die aktuelle Situation ließ den Schafbauern keine andere Möglichkeit, als die Tiere zurück ins Tal zu holen. Die Schafe wurden zuerst im Stall gehalten und nun auf die Heimweide getrieben. Aufgrund des anstehenden zweiten Schnittes ist das natürlich keine Dauerlösung, da auf diese Weise die Futtergrundlage für den Winter abhanden kommen würde. Hervorzuheben ist zudem der Mehraufwand für die Nebenerwerbslandwirte. Das nun zusätzlich benötigte Futter muss darüber hinaus zugekauft werden. „Man spricht hier zwar von Entschädigungszahlungen, doch für unsere betroffenen Bauern geht es hier nicht primär um pauschale Entschädigungssätze, sondern es stellt sich die Frage, ob und wie lange hier betroffene Bauern noch die Energie und den Elan für solche erschwerten Situationen aufbringen“, so Pircher. Für etwaige Lösungsansätze wurde gemeinsam mit Vertretern des Landes Tirol, Experten im Bereich Herdenschutz, Almverantwortlichen sowie betroffenen Bäuerinnen und Bauern am 17. Juli eine Begehung vor Ort unternommen. „Wir sind hier für alle Empfehlungen und Möglichkeiten offen, sofern sie für uns durchführbar und finanzierbar sowie praxiserprobt sind. Da wir im Land überall andere Voraussetzungen vorfinden, sind auch aktuell diskutierte Pauschalempfehlungen und Ideen zu kontrolliertem Herdenschutz schwere Kost für unsere Bauern und Bäuerinnen“, so Pircher. Laut der Agrargemeinschaft bedeutet dies, dass es gerade auf Almen, die gleichzeitig ein stark frequentiertes Wandergebiet darstellen, regionale, individuelle und situationsangepasste Lösungen benötigt. Pircher sieht die aktuelle Situation kritisch: „Maßnahmen, welche derzeit am Tisch liegen, blenden aus unserer Sicht die genannten Herausforderungen aus.“

LAND TIROL FÜR BESENDERUNG. Der begründete Wolfsverdacht in See ließ auch das Land aufhorchen. So wurden die Tiere amtstierärztlich begutachtet und Proben für eine genetische Untersuchung entnommen. Der seit 2012 existierende Wolfsmanagementplan sieht vor, dass ein Wolf entnommen wird, wenn er ohne ersichtlichen Grund aggressiv auf Menschen rea-giert oder wiederholt sachgerecht geschützte Nutz- und Haustiere tötet. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass Präventionsmaßnahmen zum Schutz von Tieren ausgereizt sein müssen. Diese Präventionsmaßnahmen sind jedoch nicht nur eine Frage der Finanzierbarkeit, sondern gerade im alpinen Gebiet eine Frage der Umsetzbarkeit. Als ein erster Schritt wurde nun die Fachabteilung damit beauftragt, einen Bescheid vorzubereiten, der es ermöglichen soll, den Problemwolf mit einem Sender auszustatten. „Auch wenn es durchaus eine Herausforderung wird: Wir wollen in den nächsten Wochen nichts unversucht lassen, um den Wolf zu besendern. Eine spezielle Eingreiftruppe soll damit beauftragt werden, den Wolf zu fangen und im Anschluss mit einem Sender auszustatten. Wenn dies gelingt, weiß die Behörde in Zukunft genau, wo sich der Wolf zu welcher Zeit aufhält. Dann können frühzeitig die Nutztierhalter informiert und so im besten Fall viel Tierleid verhindert werden“, erklärt LH-Stv. Josef Geisler.

WWF FÜR HERDENSCHUTZ. Die Naturschutzorganisation WWF Österreich bewertet diese geplante Besenderung des Wolfs als angemessenen Schritt, sieht jedoch noch mehr Handlungsbedarf. „Herdenschutz ist und bleibt alternativlos, weil der hohe Schutzstatus der Wölfe europarechtlich zurecht gut abgesichert ist. Eine Besenderung ist daher nur in Verbindung mit fachgerechten regionalen Präventionsmaßnahmen sinnvoll und entbindet Tirol nicht vom Artenschutz“, sagt WWF-Experte Christoph Walder, der zudem ausführt: „… ein Wolf, der ungeschützte Schafe reißt, ist noch lange kein Problemwolf. Dafür gibt es im Managementplan festgelegte Kriterien, die hier nicht erfüllt sind.“ Der WWF fordert also nach wie vor die Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen. Laut WWF habe Tirol hier noch viel nachzuholen und plädiert deshalb darauf, dass die Ausbildung von Herdenschutzhunden sowie die Verpflichtung von geeigneten Hirtinnen und Hirten forciert werden sollen. Parallel dazu brauche es eine ausgewogene Beratung sowie unbürokratische und ausreichend dotierte Entschädigungslösungen.
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Bernhard Pircher, Obmann der Agrargemeinschaft Alpe Versing Foto: Bernhard Pircher
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Die Schafe mussten nun vorzeitig ins Tal getrieben werden. Foto: Michael Pircher
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