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Reutte | Chronik | 28. Juni 2021 | Jürgen Gerrmann, Marlen Perl, Juliane Wimmer

Ein Gnadenbild voller Symbolik

Eine der weltweit berühmtesten Ikonen ziert auch die Kapelle von der immerwährenden Hilfe auf der Platte in Höfen.  RS-Foto: Gerrmann
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Kapellengeschichte Maria von der immerwährenden Hilfe Pfarre St. Martin Gemeinde Wängle
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Die Kapelle auf der Platte in Höfen ist Maria von der immerwährenden Hilfe geweiht

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und hat der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Heute geht es zur Platte nach Höfen.
Von Jürgen Gerrmann.
Sie steht etwas abseits, zwischen Bundesstraße und Wildfluss, aber wer auf dem Lech-Wander- oder -Radweg auf Markung Höfen unterwegs ist und einen Blick zur Seite wirft, dem sticht sie dann doch ins Auge – die kleine Kapelle mit dem ungewöhnlichen Namen: „Maria von der immerwährenden Hilfe“ ist sie nämlich geweiht. Diakon Dr. Patrick Gleffe, der Seelsorger der Pfarre St. Martin Wängle (zu der auch Höfen gehört), erzählt, dass das kleine Gotteshaus 1876/77 zu Ehren der damals sehr populären Ikone desselben Namens (davon später) erbaut wurde. Bezahlt hatte es der Müller Johann Koch – ein gebürtiger Berwanger übrigens. Geweiht wurde die Kapelle indes erst 1880.

Bedeutende Geistliche.
Rechts neben der Tür macht einem eine Gedenktafel bewusst, dass die Parzelle Platten zumindest früher ein hoch spiritueller Ort gewesen sein muss. Bedeutende Geistliche stammten nämlich von hier – im 19. Jahrhundert nicht zuletzt drei Brüder aus der Familie Babl:  Hieronymus war Ordenspriester der Zisterzienser und starb mit 33 Jahren im Stift Stams. Seine beiden Brüder wurden älter: Martin segnete als Kaplan von Wald mit 72 das Zeitliche, und Josef ging mit 73 von dieser Welt. Er machte übrigens die größte Karriere der drei und avancierte zum Geistlichen Rat und Professor der Theologie in Brixen. Er wirkte zur Blütezeit der Brixener Theologiesemimars zur Amtszeit von Fürstbischof Bernhard Galuras (einem Südbadener) und stiftete (wie aus dem Boten für Tirol und Vorarlberg hervorgeht) 1881 nicht nur einen Gulden für das damals geplante Andreas Hofer-Denkmal in Innsbruck (das indes erst 1892 fertig wurde), sondern auch einen Kelch für die in jenen Jahren frisch gebaute Kapelle in seinem Heimatdorf. Vor diesen Dreien hatte (wie Patrick Gleffe ebenfalls berichtet) noch ein anderer Plattener, dessen Name nicht auf der Tafel aufscheint, hohe geistliche Würden erreicht: Cölestin Nigg wirkte als Generalvikar in Augsburg (das Dekanat Breitenwang gehörte bis 1816 zu diesem Bistum und erst später zu Brixen). Diese Gedenktafel ist übrigens nicht das einzige Bemerkenswerte an oder in der Kapelle. Wenn man das Kirchlein betritt, dann wird der Blick quasi magisch von dem Altarbild angezogen – auch wenn es kein Original, sondern eine Kopie ist: Berührend ist es allemal. Und es hat auch eine bewegte Geschichte. Die am weitesten verbreitete Vermutung geht dahin, dass es vermutlich im ausgehenden 14. Jahrhundert auf der Insel Kreta entstand. Aber dort sollte die Ikone nicht bleiben. Weil ein Kaufmann etwa 100 Jahre später sich wenig um das siebte Gebot scherte: „Du sollst nicht stehlen!“ Das sollte ihm freilich nicht gut bekommen: Auf der Heimfahrt (vermutlich gen Venedig, in dessen Besitz die griechische Insel damals war) wurde er buchstäblich sterbenskrank und nahm auf dem Totenbett einem Freund im Rom das Versprechen ab, dafür zu sorgen, dass das Gnadenbild in der Heiligen Stadt einen Platz zur öffentlichen Verehrung bekommen sollte. Und tatsächlich: Am 27. März 1499 wurde es Teil des Hochaltars in der Kirche San Matteo. Es spricht  übrigens viel dafür, dass es auch Martin Luther während seiner Rom-Pilgerschaft (von der er indes entsetzt zurückkehrte) gesehen und davor gebetet hat. Denn diese Matthäuskirche gehörte zum Kloster der Augustiner-Eremiten – jenem Orden, dem auch der spätere Reformator angehörte. Und auf der Heiligen Treppe im Lateran gleich daneben war er ja auf jeden Fall.

Lange vergessen.
Fast 300 Jahre sollte die Ikone dort verehrt werden – aber dann kamen die französischen Truppen Napoleons, die indes weniger Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Zerstörung an den Tiber brachten. Sie bezeichneten das als „Sühne der Großen Revolution“. Zu den 30 Gotteshäusern, die sie im Zuge ihrer „Entchristianisierung“ in Schutt und Asche legten, zählte auch San Matteo. Maria von der immerwährenden Hilfe wurde indes in Sicherheit gebracht, geriet aber in einer kleinen Hauskapelle in Vergessenheit. Das beklagte 64 Jahre später der Jesuit Franco Biosi in einer Predigt über verschwundene Gnadenbilder, und das hörte wiederum Michele Marchi, ein Pater, der sich an einen alten Mönch der Augustiner erinnerte, bei dem er einst als Messdiener fungiert und der ihm von diesem Bild erzählt hatte – durch diesen Glücksfall wurde es wieder entdeckt. Marchi war Redemptorist – Mitglied eines Ordens, dessen Überlieferung auch weitgehende Quelle für die Geschichte dieses Bildes ist. Er galt indes nicht als besonders progressiv. Im Gegenteil: In Österreich wurde er Mitte des 19. Jahrhunderts als Stütze des Metternichschen Polizeistaates betrachtet. Zu jener Zeit waren die Redemptoristen  hierzulande sogar bedeutender als die Jesuiten. Ihr Ordensgeneral Nikolaus Mauron erreichte dann am 11. Dezember 1865 bei Papst Pius IX., der als Giovanni Maria Mastai Ferretti in Senigallia bei Ancona geboren worden war, dass seiner Gemeinschaft diese berühmte Ikone übereignet wurde – also nur ein Dutzend Jahre, bevor die Kapelle in Höfen errichtet wurde. Man kann sich mithin vorstellen, welch großes Ereignis das für die Menschen damals war. Den Redemptoristen (deren Name von lateinischen Wort für „Erlöser“ kommt) ist dieses Bild besonders deswegen ans Herz gewachsen, weil es zwei zentrale Punkte ihrer Spiritualität widerspiegelt: die Marienverehrung und das Leiden Christi. Denn Maria hält ihren Sohn liebevoll im Arm, während die Erzengel Michael und Gabriel die Leidenswerkzeuge in ihren Händen halten – ersterer Lanze und Essigschwamm, letzterer das Kreuz. Auch sonst ist diese Ikone bis ins Detail „durchkomponiert“: Das Blau des Mantels Mariae steht für den Glauben, die Wahrhaftigkeit und eben den immerwährenden Schutz (eine Variante der mittelalterlichen Schutzmantelmadonna also), das Rot ihres Untergewandes für Liebe und Leiden, die ineinander verwoben sind, das Braun des Umhang Jesu (der das Gesicht eines Kindes, aber die Körperproportionen eines Erwachsenen hat) für seine Erd- und Weltverbundenheit, das Grün seines Obergewandes für Hoffnung und Leben – und der rote Gürtel natürlich wieder für die Qualen, die er durchleiden musste, und seinen Tod. Wie bei allen Ikonen der Orthodoxie fehlt da die dritte Dimension. Experten deuten das übrigens nicht als mangelndes Können der Maler: Die dritte Dimension soll der Betrachter selbst hinzufügen, in dem er das Bild auf sich wirken lässt, durchdringt und in sich selbst spiegelt. Und insofern ist es auch kein Wunder, dass auch heute noch viele Menschen sich in dieses Marienbild versenken. Nicht nur im Außerfern. Sondern auf der ganzen Welt.
Übrigens: Der Gedenktag der Mutter von der immerwährenden Hilfe war der vergangene Sonntag. Wovon wir allerdings keine Ahnung hatten, als wir zwei Tage vorher vorbeischauten.
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