Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Chronik | 5. April 2021 | Von Jürgen Gerrmann

Kapellengeschichte – Elternglück im hohen Alter

Paul Zeillers Altarbild von Maria Himmelfahrt in der Kapelle von Mitteregg räumt auch den Eltern der Mutter Gottes großen Raum ein: Joachim und Anna stehen ihr zur Seite. RS-Foto: Gerrmann
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Auf Paul Zeillers Altarbild in Mitteregg spielen Anna und Joachim eine wichtige Rolle

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Diesmal geht’s nach Mitteregg.
Von Jürgen Gerrmann

Für Freunde des spirituellen Wanderns (oder Spaziergangs) ist das  Rotlechtal bei Berwang ein wahres Paradies: Wie an einer Perlenschnur reiht sich da eine wunderschöne Kapelle an die andere, die man in dieser Abgeschiedenheit gar nicht vermuten würde. Das gilt auch für das letzte dieser kleinen Gotteshäuser fast am Talschluss, wo die Straße nicht mehr weiterführt, aber einen das Innere der Mitteregger Kapelle staunen lässt. Bis zu dem Fest, das dem Kirchlein seinen Namen gegeben hat, ist es zwar noch lange hin: Maria Himmelfahrt wird erst am 15. August gefeiert. Aber dennoch spielt auch die Passion eine große Rolle, wie sich besonders eindrucksvoll am Kruzifix vor dem Maria-Hilf-Gemälde Paul Zeillers auf dem Seitenaltar ablesen lässt. Da hängt Jesus nicht einfach am Kreuz – das Leiden ist ihm förmlich ins zur Seite geneigte Gesicht und auf den von Wundmalen und Blut gezeichneten Körper geschrieben. Aber gerade daraus dürften in alter Zeit viele Menschen, die unter schwierigsten Bedingungen hart arbeiten und viel durchmachen mussten, auch getröstet haben. Sie sahen darin ein Zeichen der Solidarität: „Der Heiland weiß, was Leiden bedeutet.“

FEHLER DES DENKMALAMTES. Eine Merkwürdigkeit rankt sich übrigens um die Mitteregger Kapelle: In der Bundesdenkmalliste wird sie unter der Nummer 76907 geführt – allerdings unter dem Namen Maria Opferung. Den findet man aber sonst nirgends. Und wenn man dann etwas intensiver nachstöbert, stößt man tatsächlich auf eine (erstaunlich lange) „Auflistung der Fehler in den Listen des Bundesdenkmalamtes“. Eine Expertise mit dem Spitznamen „Luftschiffhafen“ hat da tatsächlich darauf hingewiesen, dass die Kapelle im Tiroler Kunstkataster als „Maria Himmelfahrt“ verzeichnet ist. Und das erscheint auch logisch, wenn man auf Paul Zeillers wunderschönes Altarbild von 1690, das 1907 von Josef Kärle prachtvoll restauriert wurde, blickt. In großer Farbenpracht wird da nämlich Maria von Vater, Sohn und Heiligem Geist zu sich geholt.
Vielleicht lässt sich der Irrtum des Bundesdenkmalamtes ja durch die beiden erklären, die die Füße Marias flankieren: Anna, ihre Mutter, greift sich ans Herz, Joachim, ihr Vater, deutet mit dem Zeigefinder auf seine Tochter.

NICHT IN DER BIBEL, DENNOCH BELIEBT. Die beiden sind in der frühen Christenheit erstaunlich beliebt – vor allem, wenn man bedenkt, dass sie in der Bibel quasi gar nicht erwähnt werden. Aber dennoch lohnt es sich, da einmal genauer hinzuschauen – sowohl auf Zeillers Bild als auch mit Blick auf die Wirkungsgeschichte der beiden. Im „Protoevangelium“ (man könnte auch „Vorevangelium“ dazu sagen) schilderte ein Jakobus (der nicht, wie von den frühen Christen vermutet, der Bruder Jesu war) Mitte des 2. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung nämlich ausführlich das Leben Marias. Vermutlich lag das daran, dass seine Zeitgenossen einfach mehr über die Mutter ihres Erlösers wissen wollten. Was er aufgeschrieben hatte, erfreute sich großer Popularität, schaffte es aber nicht in die offizielle Bibel, deren Inhalt 397 in der dritten Synode von Karthago offiziell festgelegt wurde. Das hatte gravierende Folgen: Anderes durften nämlich nicht im Gottesdienst als „göttliche Schriften“ verwendet werden. Aber dennoch wurden viele dieser Geschichten weitererzählt. Joachim soll demnach ein reicher und frommer Mann mit großer sozialer Ader gewesen sein, der mit seinem Geld gerne die Armen und den Jerusalemer Tempel unterstützte. Dem Hohepriester soll das aber gar nicht so recht gewesen sein: Er wies Joachims Opfer zurück, da dessen Frau (so Jakobus) unfruchtbar war, was als Strafe Gottes gewertet wurde. Joachim ging für 40 Tage in die Wüste, um zu fasten und zu beten (eine Parallele zu Jesus), Anna war nach 20 Jahren kinderloser Ehe verzweifelt. Und da erschien den beiden voneinander Getrennten ein Engel. Mit einer frohen Botschaft: „Ihr werdet Eltern!“ Vor der goldenen Pforte des Tempels treffen sich die beiden und umarmen sich. Und tatsächlich: Maria wird geboren. Auf diese Geschichte stützt die katholische Kirche ihre Lehre, dass Gott durch seinen Heilsplan Maria schon im Mutterleibe Annas vor der Erbsünde bewahrt habe, obwohl sie von ihren Eltern so gezeugt worden war, wie man das gemeinhin kennt. Dieses Dogma vom vorgeburtlichen Eingreifen Gottes in das Leben Marias verkündete Papst Pius IX. (der Italiener Giovanni Maria Mastai-Ferretti) im Jahre 1854.

DEM TEMPEL ÜBERGEBEN. Das Ereignis, ob dessen der Gedenktag den heute etwas merkwürdig klingenden Namen „Maria Opferung“ bekam, soll stattgefunden haben, als das kleine Mädchen drei Jahre alt war. Deren Eltern (so wieder der Schreiber des „Vorevangeliums“) hatten nämlich versprochen, das Kind Gott anzuvertrauen und es in den Tempel zu bringen. Darauf sagte Joachim (der Name bedeutet auf Deutsch „Gott richtet auf“): „Rufet die unbefleckten Töchter der Hebräer als Begleiterinnen herbei! Sie sollen je eine Fackel nehmen, und die sollen zur Ablenkung für das Kind brennen, damit es sich nicht nach hinten umdreht und sein Herz nicht weg vom Tempel des Herrn verführt wird.“ Oben wartete schon der Priester, der das Kind „in Obhut nahm“, es küsste und segnete sowie eine Prophezeiung aussprach: „Groß gemacht hat der Herr Deinen Namen unter allen Geschlechtern. An Dir wird am Ende der Tage der Herr sein Lösegeld den Kindern Israel offenbaren.“ Jakobus weiter: „Er hieß sie, sich auf der dritten Stufe des Altars niederzusetzen, und der Herr Gott legte Anmut auf sie. Da begann sie, auf ihren Füßen zu tanzen, und das ganze Haus Israel gewann sie lieb. Und ihre Eltern waren voller Staunen, und sie lobten Gott, den Gebieter dafür, dass das Kind sich nicht ihnen zugewandt hatte, um bei ihnen zu bleiben. Maria aber war im Tempel des Herrn, wie eine Taube sich bekös-tigend, und empfing Nahrung aus der Hand eines Engels.“ Diese Geschichte rührte zunächst die orthodoxen Christen der Ostkirche an. Sie feiern den „Einzug in den Tempel unserer Herrin, der Gottgebärerin und ewigjungjungfräulichen Maria“ schon seit dem 6. Jahrhundert – und zwar als eines der zwölf großen Feste ihres Kirchenjahres vom Vorabend des 21. bis zum 25. November ihres julianischen Kalenders (bei uns entspricht der Auftakt dem 4. Dezember). Die Westkirche wehrte sich lange gegen dieses Fest. Erst die Päpste Gregor XI. (der Franzose Pierre Roger de Beaufort) und Sixtus IV. (der Ligurier Francesco della Rovere) erklärten es 1371 beziehungsweise 1472 für ihren Herrschaftsbereich für verbindlich. Und was geschah mit den Eltern Marias? Jesu Großvater Joachim starb lautet dem Kirchenvater Epiphanios von Konstantia schon kurz nach Maria Opferung im Alter von 80 Jahren (also wurde er mit 77 Vater). Anna war zwar auch schon betagt, hatte aber laut der „goldenen Legende“  (dem beliebtesten religiösen Volksbuch des Mittelalters) mit Kleophas und Salomas noch zwei weitere Ehemänner, mit denen sie zwei weitere Töchter hatte, die ihrerseits Jakobus den Älteren und den Jüngeren, Joseph Barsabass, Simon den Zeloten, Judas Thaddäus und Johannes Evangelist gebaren, die allesamt zur „Heiligen Sippe“ zählen.Joachim und Anna mussten sich also früh von ihrer Tochter trennen. In Paul Zeillers Gemälde von Maria Himmelfahrt in der Kapelle von Mitteregg sind sie ihr aber ganz nah.
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