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Reutte | Chronik | 9. Mai 2022 | Nadja Wolf

Saisonsauftakt des Museumsvereins Reutte

Am Eingang zur Südtiroler Siedlung: Die beiden höchsten Gebäude. RS-Fotos: Wolf
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Südtiroler Siedlung Museumsverein des Bezirkes Reutte Saisonauftakt
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„Erinnerungsort Südtiroler Siedlung – Eine geplante Heimat?“

Zur Eröffnung der Saison lädt der Museumsverein Reutte traditionell am 1. Mai zum Tag der offen Tür. Dieses Mal durften sich die Besucher dazu in der Südtiroler Siedlung einfinden, um das jüngste Projekt des Vereins, das gerade vor Kurzem mit dem Tiroler Museumspreis ausgezeichnet wurde, zu besichtigen. Eine spannende Führung durch ein Stück Reuttener Geschichte.
Von Nadja Wolf.
Alexandra Posch, stellvertretende Obfrau des Museumsvereins, und Museumsleiter Mag. Ulrich Kößler begleiteten die Führung im Außenbereich. Der Rundgang startete im damals architektonisch definierten Eingang zur Siedlung, den beiden einzigen dreistöckigen Gebäuden des Areals. Gleich zu Beginn wird man dabei auf einige der vielen Besonderheiten und Details hingewiesen, die sich an den Bauwerken finden lassen. Zahlreiche Malereien, allesamt mit bewusst gesetzten Botschaften der damaligen Zeit zieren die nostalgischen, bunten Häuser. „Besonders die von den Nationalsozialisten missbrauchten alten Zeichen, wie Runen, oder diverse zu unrecht verwendete Zitate, sorgten immer wieder für Diskussionsstoff hinsichtlich Erhalt oder Entfernung. Jedoch ist es Teil der Geschichte – unserer Geschichte, auch wenn diese eine dunkle ist“, merkt Alexandra Posch an.

Heimat?
Denn der Anlass zum Bau der Südtiroler Siedlung in Reut-te, eine von 22 in ganz Tirol und eine der wenigen, die noch vollständig erhalten sind, war alles andere als idyllisch und idealistisch, wie die Bildnisse es suggerieren sollen. Sie sollte Heimat für vertriebene Südtiroler werden, denen mit der sogenannten „Option“ eine scheinbare Entscheidungsfreiheit für oder gegen ihre Identität gegeben wurde. Egal wie die Entscheidung ausfiel, brachte sie in fast jedem Fall den Identitäts- und Heimatverlust mit sich. Entweder durch Auswanderung ins Deutsche Reich oder für die „Dableiber“ durch die Umsiedlung innerhalb Italiens. In einem eindrucksvollen Filmausschnitt des Dokumentarwerks „Risse“ von Melanie Hollaus, der im Schlafzimmer der Musterwohnung installiert ist, wird diese Zerrissenheit durch Originalbriefe vertont.
Zum Willkommen gab es ein Wasserklosett und Schimpfworte. Kuratorin Mag. Birgit Maier-Ihrenberger führt im Anschluss durch die Musterwohnung in der Wolkensteiner Straße 12, die weitestmöglich wieder auf ihren Urzustand zurückgebaut wurde und erzählt dabei nicht nur Details zu den Wohnungen, sondern auch zur gesellschaftlichen Situation von damals. Schnell war die kriegs- und entbehrungsbelastete Reuttener Bevölkerung unmutig über die neuen Ankömmlinge, denen mit neugebauten Wohnungen über Standard scheinbar der Hof gemacht wurde. Reich bemalt mit beiderseits regionalen Details, wie markttypischen Erkern und Südtiroler Balkonbau versehen, waren es nicht die Häuser, sondern eher deren zweckmäßig geplanten Bewohner, die den Reuttenern ein Dorn im Auge waren. „Wenngleich über 50 Prozent der 501 Neubezüge bald keine Südtiroler sein sollten, sondern sogenannte „Nichtumsiedler“, also Kriegsversehrte und Fliegergeschädigte, Einheimische, die ihre Altbauwohnung für Umsiedler zur Verfügung gestellt hatten und Parteifunktionäre. Trotzdem halten sich so manche Unmuts-Aussagen über Generationen in den Familien – und hier scheint besonders das WC eine emotionale Rolle zu spielen“, erzählt die Kuratorin von Interviews mit Zeitzeugen.
Abschließend gab Museumsvereins-Obmann Ernst Hornstein Einblicke in die Konzeptionierung und  Entwicklung der Ausstellung. „Die ersten Überlegungen liegen in etwa neun Jahre zurück“, erinnert sich Hornstein, „mit der Realisierung musste längere Zeit gewartet werden, um die Neuregelungen im Bereich des Denkmalschutzes zu berücksichtigen. Wir freuen uns, dass das Projekt schließlich konzipiert und im September 2019 eröffnet werden konnte.“ Der Einsatz des Museumsvereines hat sich ausgezahlt. Nicht nur, dass für die Besucher Geschichte konserviert und greifbar gemacht wird, auch ist die Honorierung des Projektes „Erinnerungsort Südtiroler Siedlung – Eine geplante Heimat?“ damit die bereits 4. Auszeichnung für das Museum Grünes Haus, was bisher einzigartig ist.

53 Prozent bleiben erhalten.
Noch ist die gesamte Südtiroler Siedlung erhalten und zum Großteil bewohnt. Zumindest für mehr als die Hälfte wird dies auch in Zukunft so bleiben, denn 53 Prozent der charmanten Siedlung stehen unter Denkmalschutz und bleiben somit jedenfalls der Nachwelt erhalten.

Info.
Informationen zur Geschichte der Südtiroler Siedlung finden sich im Blogbereich der Seite www.reutte.com und auf der Seite des Museumsvereins Reutte www.museum-reutte.at, reguläre Führungen finden von Mai–September jeden 3. Donnerstag im Monat um 17.30 Uhr statt.
Saisonsauftakt des Museumsvereins Reutte
Alexandra Posch erzählt die dunkle Geschichte zu bunten Malereien.
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