Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Chronik | 17. September 2019 | Bogdan Dujic

Staunen, staunen, staunen

Ein imposanter Anblick: die Gartnerwand vom Gipfel des Grubigsteins aus gesehen. RS-Foto: Gerrmann
Ein Schild, das man auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen sollte:
Die Tour vom Grubigstein zur Gartnerwand ist wahrlich nichts für Anfänger. RS-Foto: Gerrmann
Eine Bergtour vom Grubigstein zur Gartner Alm. RS-Fotos: Gerrmann
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Eine Tour vom Grubigstein zur Gartner Alm


„Willst Du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“, erkannte einst schon Goethe. Im Außerfern liegt nicht zuletzt das Schöne so nah. Vor allem in den Bergen. Die RUNDSCHAU war für ihre Leser unterwegs – und traf dabei auf bizarre Felsen, eine urzeitliche Katastrophe und ein unglaubliches Panorama.


Jürgen Gerrmann


Im Tourismus scheint sich ein neues Schlagwort Bahn zu brechen: Microadventure. Klingt wahnsinnig aufregend und soll es wohl auch sein. Und deswegen muss es – den Marketing-grundsätzen von heute folgend – natürlich auf Englisch ausgedrückt werden. „Kleinstabenteuer“ wäre ja viel zu popelig. Und im Wort-Sinne wäre es ja ohnehin (englisch hin, deutsch her) nur ein Millionstel-Abenteuer. Im Grunde genommen nicht der Rede Wert. Und dennoch kann es einfach fantastisch sein, wie unsere heutige Tour zeigt. Wobei eins klar sein muss: Stöckelschuh- und FlipFlop-Wanderer sollten da die Hände (beziehungsweise Füße) davon lassen. Denn dass der Weg vom Grubigstein zur Gartnerwand und der Abstieg hinunter ins Gartner Tal Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erfordert – das ist hier keine hohle Floskel. Sondern die pure Wahrheit.


WARNUNG ERNST NEHMEN.

Ein Schild, das man auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen sollte:
Die Tour vom Grubigstein zur Gartnerwand ist wahrlich nichts für Anfänger. RS-Foto: Gerrmann

Das Warnschild – wenige Minuten nach dem (auch für Otto Normalwanderer per Slalom durch die Lawinenschutznetze gut erreichbaren) Gipfel des Grubigstein – ist keine Deko, die übermütige und übermutige Flachland-Tiroler abschrecken soll. Man sollte sie ernst nehmen, gerade wenn dunkle Wolken am Firmament heraufziehen. Denn dort oben ist man bei schönem Wetter (wie am Samstag) dem Himmel ganz nah – bei schlechtem aber auch den Blitzen. Und das wäre eindeutig zu viel des Abenteuers.

Doch nun genug der Warnungen: Hat man erst einmal den Grat erklommen, dann kann man immer wieder nur eins – staunen, staunen, staunen. Über die verschiedensten Dinge. Der Fernpass, der den Außerfernern so große Probleme bereitet, wirkt von dort oben ganz klein, die Transitlawine schrumpft zu einer Aneinanderreihung von Spielzeugautos. Eine Szenerie, die einen dran erinnert, dass alles im Leben wohl relativ ist und es gut tut, die Dinge ab und an aus der Distanz zu betrachten. Der Blindsee macht seinem Namen keine Ehre: Er glitzert, als feierten unter seiner Oberfläche Elfen und Nixen eine Spätsommer-Party. Eine Idylle, die einem wiederum vergessen lässt, dass sie im Grunde die Folge einer Katastrophe ist: Vor 4100 Jahren (also in der Frühbronzezeit) donnerte rund eine Milliarde Kubikmeter Fels vom Kreuzjoch ins damalige Tal, 15 Kilometer nördlich und südlich stößt man heute noch auf dieses Gestein, das der Loisach ihren ursprünglichen Weg zum Inn versperrte und sie ins heute Bayerische umleitete. Auch Blind-, Fernstein-, Mitter- und Weißensee wurden dadurch erst geschaffen. Auch Natur wandelt sich mithin. Sie war keineswegs „schon immer da“.


ATEMBERAUBENDES PANORAMA.

Den Atem raubt einem auf dieser Passage weniger die Anstrengung bei der Tour (die ist hier gar nicht so gewaltig), sondern immer wieder der Blick zur Nordwand der Gartnerwand. Nicht nur, weil sie so steil ist. Sondern auch wegen ihrer Schönheit: Es mutet an, als habe hier ein Dachdecker Ziegel auf Ziegel gelegt, als seien manche Gesteinsschichten nur zentimeterdick. Hetzen sollte man bei dieser Wanderung nicht – und zwar nicht nur aus Sicherheitsgründen. Denn dieses 360-Grad-Tirol-Panorama schlägt einen unweigerlich in den Bann. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll, aber im Grunde ist es auch egal. Denn überall ist es unvergleichlich schön: Zugspitze, Wetterstein, Mieminger Berge, Loreagruppe, Hochvogel, Lechtaler Alpen, die Tannheimer Berge mit Gimpel, Roter Flüh, Köllen- und Gehrenspitze, der Thaneller, das Ammergebirge, der Karwendel, Ötztaler und Kaunertaler Gipfel, Grasberge und Gletscher, bizarre Felsen und liebliche Almen – es gibt nichts Alpines, das es ringsum nicht gibt. Und es ist schlichtweg unmöglich, die Höhe-Punkte dieser Kulisse zu zählen.


VORSICHT ABZWEIGUNG!

Bei all dieser Euphorie, die sich einstellt, sollte man aber die richtige Abzweigung nicht verpassen. Die Gefahr dazu besteht durchaus. Denn auf den Steig, der sich am zweiten (kleineren) Gartnerwand-Gipfel nach rechts hinunter zum Sommerbergjöchl verabschiedet, weist keine Tafel hin. Und die roten Punkte und Striche drängen sich keineswegs auf. Wer hier geradeaus weitergeht und nicht schnell merkt, dass er sich verstiegen hat, der hat einen weiten Umweg zum Bichlbacher Jöchle zu bewältigen.

Auch der richtige Steig ist durchaus eine alpine Herausforderung. Ab und an ist das Gestein gewaltig bröckelig, und selbst alpinerfahrene Hunde können da durchaus (obwohl sie mit ihren vier Pfoten ja eigentlich besser ausgestattet sind als ihre zweibeinigen Begleitern) mal verweigern. Doch ab dem Sommerbergjöchl können sich alle mit einer gemütlichen Tour hinab zur Gartner Alm und einer zünftigen Einkehr dort mit herrlichem Blick auf eine wunderschöne Kulisse ringsum belohnen. Die können übrigens auch die genießen, die auf die ganz große Anstrengung verzichten wollen. Eine prima Variante führt nämlich von der Grubighütte über die Wolfratshausener Hütte zur Gartner Alm. Auch da reiht sich in herrlicher Ausblick an den anderen.

Übrigens: Da auf dieser Tour ein gewaltiger Höhenunterschied zu bewältigen ist (insgesamt fast 1600 Höhenmeter), braucht man sich kein schlechtes Gewissen zu machen, wenn man sich mit der Lermooser Bergbahn gute 1000 Meter Anstieg spart. Denn auch so ist`s ein Mega-Abenteuer.


Strecken-Stenogramm

Start: Bergstation Grubigsteinbahn

Ziel: Talstation in Lermoos

Länge: gut 14 Kilometer

Höhenunterschied: etwa 400 Meter bergauf und rund 1600 Meter bergab (bei Start an der Talstation 1000 Meter Anstieg mehr); bei Direktweg von der Grubighütte ohne Gipfel gut 1000 Meter Abstieg

Dauer: rund 6,5 Stunden (bei Direktweg etwa 3 Stunden)


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