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Reutte | Chronik | 9. August 2021 | Sabine Schretter

Wenn sich keiner rührt, passiert nichts!

Wenn sich keiner rührt, passiert nichts!
Der Obmann des Vereins „die Barrierefreien“: Bernhard Paul Gruber. Fotos: Privat
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Bernhard Gruber, Stefan Posch und weitere Wegbegleiter gründeten den gemeinnützigen Verein „die Barrierefreien“

Der neu gegründete Verein, eingetragen seit KW 30, sieht sich als regionale und überregionale Plattform für Barrierefreiheit. Die Mitglieder verstehen sich als Ansprechpartner für betroffene behinderte und aufmerksame gesunde Menschen. Barrierefreiheit in allen notwendigen Bereichen betrifft uns alle und ist für beeinträchtigte Menschen die Grundvoraussetzung für eine uneingeschränkte Teilhabe am täglichen Leben.
Von Sabine Schretter.
„Nach einem Arbeitsunfall Ende 2015 bin ich querschnittgelähmter Paraplegiker und auf einen Rolli angewiesen. Seit 3 Jahren bin ich Hauptmitglied im Tiroler Monitoringausschuss, um hier mit meiner Expertise als Gerichtssachverständiger für barrierefreies Planen und Bauen, in den Bereichen Barrierefreiheit in allen Bereichen, Gleichbehandlung und die Einhaltung der geltenden Gesetze zu unterstützen. Das Thema Barrierefreiheit und Gleichbehandlung bekommt in unserer Gesellschaft endlich einen wachsenden Stellenwert und es wird viel darüber diskutiert. Aber es gibt noch viel zu tun. Reutte gilt seit 1997 besonders im schulischen Bereich als Inklusions-Vorzeigeregion und trotzdem gibt es keine barrierefreie Schule. Die Gemeinde hat das Thema Barrierefreiheit nun seit einigen Jahren auf der Agenda und hat hier in kurzer Zeit einige Vorzeigeprojekte umgesetzt. Die nahe Zukunft soll auch barrierefreie Schulen bringen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, regional zu starten, auf die Probleme aufmerksam zu machen und unser besonderer Fokus liegt darauf, Verbesserungen zu planen und umzusetzen. In der Folge sollen Vorzeigeprojekte aus dem Außerfern auch überregional anregen und eine Breitenwirkung erzeugen“, erklärt Bernhard Gruber. Mit Stefan Posch, der schon sehr viel länger als Gruber auf einen Rolli angewiesen ist und auch schon sehr viel länger für Barrierefreiheit kämpft, hat Bernhard Gruber einen genialen Mitstreiter gefunden, um den gemeinnützigen Verein „die Barrierefreien“ zu gründen. Gruber betont, dass es Glück ist, von Beginn an tatkräftige Menschen als Vorstandsmitglieder dabei zu haben, die zum Teil auch beruflich mit dem Thema Barrierefreiheit zu tun haben. Dieses Expertenteam wird die Vision einer barrierefreien Umwelt für alle Menschen vorantreiben und umsetzen. Der Vereinsvorstand setzt sich aus folgendem Team zusammen: Obmann Bernhard Gruber Rollifahrer und selbstständiger Unternehmer, Obmann Stv. Stefan Posch Rollifahrer und Mitarbeiter plansee group, Schriftführerin Sabine Gruber Volksschuldirektorin VS Archbach, Schriftführerin Stv. Brigitte Posch Sportwissenschafterin und Mitarbeiterin AUVA RZ Bad Häring, Kassier Christian Tschernutter selbstständiger Unternehmer und Ex-tremsportler, Kassier Stv.in Julia Gruber Studentin.

Wir schauen genau hin.
Es gibt seit mehr als 15 Jahren zahnlose gesetzliche Regelungen, die von den politisch Verantwortlichen mehr schlecht als recht umgesetzt werden. Bautechnische Vorgaben und Regelungen sind zum Teil mit Hintertüren ausgestattet, um nicht grundsätzlich barrierefreie Neubauten errichten zu müssen. Man denke hier an den sogenannten „anpassbaren Wohnbau“ und fehlende Regelungen, ab welcher Wohnungsanzahl in einem Gebäude eine bzw. mehrere echt barrierefreie Wohnungen gebaut werden müssen. „Wir als Verein und ich als Gerichtsachverständiger werden hier sehr genau hinschauen und, wenn notwendig, mit unserem Anwalt, Dr. Christopher Fink, rechtliche Schritte beschreiten“, stellt Gruber die Rute ins Fenster. Ein weiteres großes Anliegen ist die Sensibilisierung und Aufklärung der Gesellschaft: Barrierefreiheit geht alle an und betrifft in allen Lebensepochen. Heute gesund – schon morgen auf einen Behelf angewiesen – niemand ist davor gefeit. Weil es nicht vermeidbar ist, dass auch in Zukunft Hilfe gebraucht wird, Menschen durch das soziale Netz fallen oder Überbrückungsmaßnahmen notwendig sind, ist der Verein auch Anlaufstelle für Menschen, die plötzlich in eine Notsituation geraten. Dort wird fallorientiert geholfen.

Pionierarbeit leisten.
„die Barrierefreien“ entwickeln und planen eigene Projekte, die vor allem aus dem Bereich der Freizeitgestaltung kommen. Die Erreichung von Bewilligungen, die notwendige Geldbeschaffung bzw. die Projektabwicklung werden durch Eigenleistung und Partnerbetriebe abgewickelt. Weil bislang Rollifahrer etwa nicht im Plansee schwimmen können, wurde ein Konzept für einen barrierefreien Plansee, Zugang mit Umkleide, WC und Dusche entwickelt und bereits fertig geplant. Die Ufer-eigentümer, Gemeinde Breitenwang und die Gemeindegutsagrargemeinschaft Breitenwang, haben bereits eine grundsätzlich positive Stellungnahme abgegeben. Eine solche liegt in mündlicher Form auch vom Land als Seeeigentümer vor. In den nächsten Wochen fällt in der Seeverwaltungssitzung eine Entscheidung. Sobald hier endgültig grünes Licht gegeben ist, geht es an die Umsetzung diese Pionierprojektes mit Vorzeigecharakter. Dieses Projekt ermöglicht betagten oder beeinträchtigten Menschen jederzeit eine spontane, gesicherte Fahrt in den Plansee und eine erfrischende Abkühlung, weil auch der notwendige Duschrolli vor Ort in der Umkleide vorhanden sein wird. Ebenso ist es unbedingt notwendig, die Außerferner Schwimmbäder mit einem I-swim 2 (Poollift) auszustatten, der einen selbstständigen Poolzugang für jede Beckenbauart ermöglicht. Das Tiroler Außerfern als Naturjuwel soll auch mit barrierefreien Wanderwegen und Bergtouren für alle Menschen begeh- oder mit einem Zuggerät befahrbar werden. Dazu braucht es ausgewählte Routen mit entsprechend detaillierter Beschreibung. Informationen – vom Behindertenparkplatz über die Wegbeschaffenheit bis zur barrierefreien Einkehrmöglichkeit mit barrierefreiem WC  – sind unerlässlich, um eine gesicherte Tour zu planen, sie sollen abschließend über eine App downloadbar sein. Der eingeschränkte oder behinderte Gast wird als zahlungskräftiger Gast oft unterschätzt. Wenn die notwendige Infrastruktur in der Unterkunft und der Region aber zufriedenstellend vorhanden sein wird, ist dieser Gast gern bereit, einen entsprechenden Mehrpreis zu bezahlen. Inklusion im Tourismus funktioniert. Gruber nennt ein Hotel am Klopeinersee, in dem Familien mit Kindern und/oder Hunden und behinderte Menschen in allen Ausprägungen unter einem Dach ihren Urlaub verbringen und eine einzigartig positive Stimmung herrscht. Ähnliche touristische Erfolge gibt es im Kaunertal.

Breitenwirkung.
Was vor Kurzem in Reutte an den Start gebracht wurde, soll durch Vorzeigeprojekte über die Bezirksgrenzen überregional verbreitet werden und auch andere Menschen animieren, in ihrem Bereich Probleme lösungsorientiert anzugehen. Aus eigener Erfahrung berichtet Gruber, dass es in Spanien Normalität ist, dass Menschen mit einem Rolli über Holzstege bis ans Meer rollen können und am Strand barrierefreie WC- und Duschanlagen vorhanden sind. In skandinavischen Ländern werden Kinder und Jugendliche mit allen notwendigen Behelfen bis zum 18. Geburtstag vom Staat versorgt. Es gibt positive Bewegung im Themenbereich Barrierefreiheit, aber es gibt noch viel zu tun. Wir als „die Barrierefreien“ werden uns hier mit all unserer Kraft und unseren Möglichkeiten einsetzen, verspricht Gruber. Wer mehr über den gemeinnützigen Verein „die Barrierefreien gem.e.V.“ erfahren und/oder ein Projekt oder den Verein unterstützen möchte, findet alle Informationen auf der homepage www.die-barrierefreien.com. „Packen wir’s an“! Unter diesem Leitspruch möchten „die Barrierefreien“ das Außerfern für alle zu einer noch lebens- und liebenswerteren Region mit weiterer Vorbildwirkung über die Bezirksgrenzen hinaus machen.
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