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Reutte | Chronik | 31. Oktober 2021 | Johannes Pirchner

Zwischen Kitsch und Verklärung

Mit seinen Fotografien gibt Lois Hechenblaiker einen Blick auf Tirols Tourismus frei. RS-Foto: Pirchner
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Tirols Tourismus hinter den Kulissen

Am 21. Oktober präsentierte der mehrfach ausgezeichnete Fotograf Lois Hechenblaikner im Veranstaltungszentrum Breitenwang mehrere Werke zu verschiedensten Themenkomplexen rund um den Tiroler Massentourismus und den Tiroler Heimatbegriff. Seine Fotografien, Ausstellungen und Vorträge führen und regen zum Nachdenken über den Tourismus in Tirol an. Dabei kommt Hechenblaikner ursprünglich auch aus der Tourismusbranche.
Von Johannes Pirchner.
Die Person Lois Hechenblaikner.
Aufgewachsen ist Lois Hechenblaikner im Tiroler Alpbachtal. Er absolvierte eine Lehre und hat auch mehrere Ausbildungen im Tourismus absolviert, darunter etwa die Barista Prüfung. Später entdeckte er seine Leidenschaft zur Fotografie und es zog ihn fort aus Tirol. Einige dieser Reiseziele waren Indonesien, die Philippinen, Indien und Vietnam. Auch die lange Abwesenheit aus Tirol haben seinen Blick auf den Heimatbegriff verändert. Gerade die in Tirol immer stärker werdende Tourismuswirtschaft setzte gezielt auf den „natürlichen Heimatbegriff“, der im krassen Gegensatz zu den tatsächlichen Situationen in Ischgl, Sölden, Kitzbühel oder dem Zillertal steht.
Industriegebiete und technische Innovation. In seinen verschiedenen Fotoserien zeigt Hechenblaikner die verschiedenen Schattenseiten des Tourismus. Aufgeschüttete Pisten, weggesprengte Landschaftsformationen, riesige Dieseltankstellen auf den Bergen und große Geländeaufschüttungen zum Begradigen und Verbinden von immer größer werdenden Pisten des Skierlebnisses. Es ist ein hoher Preis, das das Wintersportland Tirol auf Kosten des Naturlandes Tirols zahlt. Hechenblaikner zeigt die Regionen im Sommer, als ein von Zivilisation abgewanderter, dem Verfall ausgesetzter Ort. Auch die Wintersaison wird immer Tag länger, etwa durch Kunstschneemaschinen, die auch bei einem Grad plus noch Schnee erzeugen, auf dafür extra vorgefertigten Pisten.

Tradition im Schatten des Tourismus.
In vielen weiteren Fotoserien zeigt Hechenblaikner die Vermarktung der Tiroler Kultur als Alpenballermann. Bekannte Tiroler Skiorte stehen hierbei im Vordergrund. Besonders prägend ist die Serie „Hinter den Bergen“, die eindrucksvolle Motive aus der Vergangenheit zeigt (Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Armin Kniely) und diese einem ähnlichen Gegenmotiv aus der Gegenwart gegenüberstellt. Die Botschaft von Hechenblaikner zeichnet sowohl die gewaltigen Umbrüche der letzten Jahrzehnte als auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Tourismus. Die Fotografen sind vielschichtig lesbar, ebenso regen so zum Nachdenken an.

Neue Heilsbringer in den Bergen.
Die heile Bergwelt wird von vielen Menschen seit Jahrhunderten als Flucht vor der Alltagswelt betrachtet. Auch hier gibt Hechenblaikner eine Interpretation der dazugehörigen Volksmusik wieder. Die Substanz volkstümlicher Musik und Tradition besteht hierbei hauptsächlich aus überzuckerten Klischees. Wobei die Liedtexte nur mit einer leichten Dialektfärbung versehen sind, denn sprachliche Exotik soll die Zuhörer nicht abschrecken und damit den Umsatz mindern. Die Fans sieht man hier als Menschen, in deren Leben es offenbar nur wenig Schönes gibt, ja, die größtenteils den Eindruck machen, sozial schwach, wenig gebildet, enttäuscht und überfordert zu sein. Wurden sie also nicht deshalb Fans, weil ihnen dies eine Geborgenheit und Nähe verheißt, die sie anderswo kaum bekommen können? In einer Welt von musikalischen Heile-Welt-Inszenierungen und heimatseligen Merchandisingartikeln können sie den Imperativen einer Leistungsgesellschaft entkommen. Einige Fotos bekommen für bibelfeste Menschen eine ganz neue Dimension, die schon als „blasphemisch“ gelten könnten, wenn Hansi Hinterseer mit zwei „Apos-telinnen“ über einen künstlich angelegten Tiroler-See fährt – auf einem Floss – um seine frohe Botschaft der guten Laune verkündet. Es mutet hierbei stark an die Szene aus dem Lukas-evangelium auf dem See Genezareth an.

Dekadenz und Kitsch?
Tirol hat einen guten Tourismusstandort, dafür muss man sich nicht schämen. Aber muss man wirklich in die Extravaganz gehen? Müssen wirklich alle Stellen für noch mehr Vermarktung ausgenommen werden? Einmal zeigt Hechenblaikner ein Bild von einem Winterevent, bei dem extra Elefanten wie zu Hannibals Zeiten über eine Bergstraße zum Ötztaler Gletscher gebracht wurden, nur, um spektakuläre Bilder für die Fernsehkameras zu liefern. Eine andere prägende Aufnahme zeigt einen riesigen Schafskopf aus Plastik auf dem Dach eines Hotels, dem im Winter eine Skimütze aufgezogen wird.? Oder braucht es wirklich Champagnerflaschen im Wert von 10.000 Euros? Aber braucht es diese regelrecht peinlichen Tricks wirklich? Man wird hierbei schon etwas an die Dekadenztheorie des Imperium Romanum erinnert, die besagt, dass Rom an seinem ausschweifenden Lebensstil zugrunde ging. So weit sollte man zwar nicht gehen, aber der Spruch: Weniger ist mehr!“ wär in einigen Tiroler Skiorten sicher nicht verkehrt.
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