Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Kultur | 15. November 2021 | Jürgen Gerrmann

Ein Kapelle als Zeichen der Gemeinschaft

Die erste Darstellung des Heiligen Martin in der Kapelle von Wengle. Das Bild wurde Mitte des 17. Jahrhunderts gemalt. RS-Foto: Gerrmann
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Kapellengeschichte Martinskapelle Wengle
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Das „Kirchla“ von Wengle ist dem Heiligen Martin geweiht

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und hat der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Heute geht’s nach Wengle.
Von Jürgen Gerrmann.
Sie ist einem der populärsten Heiligen (bei den Kindern wegen der Laternen, bei den Erwachsenen wegen der Gans) geweiht (siehe dazu den Artikel von Johannes Pirchner  auf Seite 18 dieser Ausgabe) – aber nicht nur das macht die Martinskapelle im Bichlbacher Ortsteil Wengle so interessant. Sie ist unter anderem nämlich auch ein Zeugnis dafür, wie eng das Allgäu und das Außerfern schon seit eh und je verbunden sind. Das hat auch Ferdinand Kätzler in seiner Geschichte der Pfarre sehr gut dargestellt. Er nennt dabei ein Schutzprivileg aus dem Jahr 1278, in dem von Besitzungen des Stiftes Weingarten in „Wengelin“ und „Mittewalde“ (dem heutigen Lähn) die Rede ist. Die Abbatia Vinea vel Abbatia Winigartensis der Benediktiner zählte einst zu den bedeutendsten Klöstern Südwestdeutschlands und hatte für das Außerfern große Bedeutung, war sie doch das Hauskloster der Welfen. Auch Breitenwang zählte ja damals zu deren Besitz. Wie die Reliquie des Heiligen Blutes, wegen der (und dem mit ihr verbundenen Blutritt, einer Reiterprozession am Freitag nach Christi Himmelfahrt) Weingarten große Berühmtheit erlangte. Übrigens: Die Kirchengemeinde, die den Blutritt veranstaltet, heißt auch St. Martin. Ferdinand Kätzler verortet Weingarten im „West-Allgäu“. Das zeigt auch, wie dehnbar der Begriff „Allgäu“ ist. In württembergischen Landen wäre eine solche Verortung nämlich hoch umstritten. Die heutigen Weingartner sehen sich vermutlich eher als Oberschwaben, aber das geht in dieser Region hin und her. Selbst in Wangen im Allgäu, das diese Bezeichnung sogar im Namen trägt, streitet man darüber. Glücklich ist freilich der, der nur solche Probleme hat.

URALTE GLAUBENSSTÄTTE.
Dass die Kapelle zum Heiligen Martin in Wengle zu den „ältesten sakralen Gedenkstätten an der Straße durchs Zwischentoren“ gehört (wie Kätzler schreibt), daran dürfte indes nicht der geringste Zweifel bestehen. Und zwar in ihrem Ursprung. Kätzler vermutet, das die erste Kapelle aus Holz bestand und auf steinernen Grundmauern errichtet wurde. Sicher ist indes, dass die Kapelle Mitte des 18. Jahrhunderts in ihrer heutigen Form errichtet wurde (und zwar auf viel älteren Grundmauern). Und daher ist ihr Inneres deutlich vom Barock geprägt. Der Altar mit seinem wunderschönen Skulpturen wird etwa Josef Klemens Witwer zugeschrieben, einem Imster, der indes erstaunlicherweise hauptsächlich für das Außerfern (außer Wengle zum Beispiel noch für Bach, Martinau, Hägerau und Elbigenalp) und Vorarlberg (Bludesch, Bartholomäberg, Partenen, Klösterle, Lech und viele andere) arbeitete. Das Gemälde darin schlägt wiederum eine Brücke zur Bichlbacher Zunftkirche St. Josef. Es stammt nämlich von dort und wurde nach Wengle gebracht, nachdem der Pfrontener Johannes Heel ein neues für St. Josef gemalt hatte. In Bichlbach wird die Geburt Christi gezeigt, in Wengle wiederum die Flucht nach Ägypten. Eine Menge Engel umringen das Bild des Heiligen Martin ganz oben auf dem Altar, was sicher auch dessen Popularität schon in alten Zeiten widerspiegelt. Flankiert wird der Altar indes von zwei Frauen: der Heiligen Katharina und der Heiligen Margaretha.

UNTERSCHIEDLICHE PROPORTIONEN.
Das älteste Gemälde mit dem Namensgeber der Kapelle hängt rechts des Chorbogens und stammt aus der Zeit um das Ende des Dreißigjährigen Krieges. Knapp einhundert Jahre später entstand die Schnitzgruppe darunter. Wobei der Vergleich interessant ist: Sind auf dem Gemälde Martin und der Bettler gleich groß und schauen sich an, würdigt bei der Schnitzerei der große Martin auf dem imposanten Pferd den armen Mann unten am Boden keines Blickes und reicht ihm eher im Vorbeireiten das wärmende Wams. Zu den künstlerischen Kleinodien der Kirche zählen aber nicht nur Martins-Motive, sondern auch eine Pieta sowie ein Madonnenbild im Rokokorahmen – und die Skulptur eines Christus an der Geißelsäule. Sie soll an ein Ereignis erinnern, das in der Bibel gar nicht erwähnt wird, sondern erst vor 1.100 Jahren Eingang in die Bilderwelt des Christentums fand. Der Franziskanermönch Johannes de Caulibus hat das um 1300 herum in einem Kloster in San Gimignano in der Toskana, wo er seine „Betrachtungen über das Leben Christi“ verfasste, so beschrieben: „Dann zogen sich die Ältesten zurück und ließen ihn in einen Kerker bringen, der unter der Erde lag, und dessen Reste heute noch sichtbar sind. Dort wurde er an eine Steinsäule gebunden, von der heute noch ein Stumpf steht, wie ich von einem Mitbruder erfuhr, der ihn sah. Trotzdem ließ man zur größeren Sicherheit einige Bewaffnete zurück, welche ihn die ganze Nacht noch vollends mit Spottreden und Verwünschungen quälten. So beschimpften sie ihn, bald der eine, bald der andere, die ganze Nacht durch Worte und Taten. So stand er aufrecht an die Säule gebunden bis am Morgen.“
„Kirchla“, werde die Kapelle von den Dorfbewohnern genannt, erzählt die Nachbarin Anita Schennach, die St. Martin betreut, der RUNDSCHAU. Voller berechtigtem Stolz darüber, dass im Frühjahr 2020 viele in Wengle mit angepackt hätten, um der Kapelle außen und innen einen neuen Anstrich zu verleihen und das Schindeldach auszubessern. Zudem hat die Firma Franz Niederhauser aus Thaur die Kreuzwegstationen restauriert. Und insofern in St. Martin in Wengle auch ein Zeichen der Gemeinschaft. So, wie es ihr Namensgeber vorexerziert hat.
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