Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
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Mensch, Löwe, Adler und Stier

Ein Blick auf die Symbole am Altar der Mariahilfkapelle in Untergaicht bei Weißenbach

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und hat der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Heute geht’s an den Fuß des Gaichtpasses.
28. März 2022 | von Jürgen Gerrmann
Das Symbol für den Evangelisten Lukas ist der Stier. Ihn sieht man am Altar der Mariahilfkapelle in Weißenbach.  RS-Foto: Gerrmann
Von Jürgen Gerrmann.
Etwas außerhalb von Weißenbach steht am Beginn des Aufstiegs hoch ins Tannheimer Tal (und im Winter am Ende der Rodelbahn) die Mariahilf-Kapelle. Ein nicht ungewöhnlicher Ort für eine Kapelle, denn die alten Pässe hatten an Komfort nicht den Hauch einer Gemeinsamkeit mit ihren Nachfolgern von heute. Die schon den Römern für ihren Weg zu ihrer Garnison in Brigantium (heute Bregenz) verwendete Route war eher ein Pfad denn eine Straße, und auch als der Salzhandel im Mittelalter florierte, war die Trasse überaus schmal. Und zwar so schmal, dass man keine Pferde nebeneinander gehen lassen konnte, sondern drei hintereinander spannen musste. Da tat es gut, wenn man zuvor um eine glückliche Ankunft oben bitten beziehungsweise dafür danken konnte, heil unten angekommen zu sein.

PILGERZIEL.
Zudem führt das Tiroler Kunstkataster die vermutlich 1714 im Barockstil erbaute Kapelle auch als „beliebtes Pilgerziel“ auf, und auch heute noch liegt sie am Jakobsweg von Stams im Inntal nach Oberstaufen im Allgäu (wobei dieser eher eine Nachempfindung der alten Salzstraße sein dürfte). Aber die Hoffnungen, die sich über all die Jahrhundert mit diesem romantischen kleinen Gotteshaus verbanden, spiegeln sich auch im Namen wider: Maria-hilf. Über dieses Glaubensmotiv, aber auch das berühmte Gnadenbild, dessen Original sich im Innsbrucker Dom befindet, hatten wir ja schon in der Kapellengeschichte über das Frauenbrünnele berichtet. Aber in dieser Kapelle gibt es eine Menge zu sehen. Es lohnt sich durchaus, etwas genauer hinzuschauen. Auch ins Detail. Zum Beispiel auf den unteren Teil des Altars. Dort finden sich die vier Evangelisten mitsamt ihren Symbolen. Sie alle haben über das Leben Jesu berichtet. Mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten: die Weihnachtsgeschichte, wie sie uns  in jedem Jahr so anrührt, steht so nur bei Lukas, die heiligen drei Könige (respektive die Sterndeuter) erwähnt Matthäus. Johannes und Markus berichten nichts über Geburt, Kindheit und Jugend des Erlösers. Aber bei allen nimmt eines eine zentrale Rolle ein: das Leiden und Sterben Christi, dessen gerade jetzt in der Passionszeit unter den Christen intensiv gedacht wird. Das ist das, was sie gewissermaßen mitein-ander verbindet.

URALTE SINNBILDER.
Seit der frühen Christenheit wurden die vier Autoren mit verschiedenen Symbolen verbunden. Matthäus wird als Mensch mit Flügeln gezeigt, Markus mit dem Löwen, Lukas mit dem Stier und Johannes mit dem Adler. Oft fehlen (wie in Weißenbach auch) indes die menschlichen Gestalten, es werden nur die „Logos“ verwendet. Und deren Zuordnung geht auf den spätantiken Kirchenvater und radikalen Asketen (was ja zur Fastenzeit passt) Hieronymus zurück. Der schrieb im 4. Jahrhundert: „Die erste Gestalt, die eines Menschen, deutet hin auf Mat-thäus, der über Christus wie über einen Menschen zu schreiben beginnt, die zweite Gestalt, deutet auf Markus hin, bei dem die Stimme eines brüllendem Löwen in der Wüste hörbar wird: ,Bereitet dem Herrn den Weg, macht eben seine Pfade!‘ Die dritte Gestalt eines Stierkalbes deutet hin auf jene, die der Evangelist Lukas vom Priester Zacharias zu Beginn verwenden läßt. Die vierte Gestalt deutet hin auf den Evangelisten Johannes, derweil er die Schwingen eines Adlers erhält und so zu Höherem eilen kann, das Wort Gottes erörtert.“ Aus dem Nichts kam das freilich nicht. Hieronymus war wohl nicht zuletzt vom Propheten Ezechiel (oder Hesekiel) inspiriert, der schon in einer seiner ersten Visionen vier Lebewesen inmitten eines „wie glänzendes Gold strahlenden Feuers“ sah. Wie Menschen hätten die ausgesehen, allerdings mit vier Gesichtern: das eines Menschen (das übrigens bei allen vier nach vorne blickt), darüberhinaus das eines Löwen, Stiers und Adlers.

WURZELN IN BABYLON? 
Ezechiel lebte wiederum rund 1000 Jahre vor Hieronymus. Also in der Zeit des babylonischen Exils des Volkes Israel. Und vielleicht bekam er ja dort die Inspiration für seine Vision. Denn dort existiert in der Mythologie auch eine „Viergestalt“, die aus männlichen Planetengöttern zusammengesetzt wurde. Um bei der christlichen Reihenfolge zu bleiben: Der Mensch wird da mit Nabu, dem örtlichen Gott der Weisheit, dessen Name „Ankündiger“ oder „Berufener“ bedeutet, gleichgesetzt. Der Löwe steht für den Kriegs- und Unterweltsgott Nergal, der Stier für den Stadtgott Marduk („Die untergehende Sonne“) und der Adler für den Windgott Ninurta. Der Literaturkritiker Wolfgang Menzel weist in seinem 1854 erschienenen Werk über die christliche Symbolik darauf hin, dass auch in der sakralen Kunst jeder Evangelist (sofern er als Mensch gezeigt wird) in der Regel in einer bestimmten Art dargestellt werde: „Auf älteren Miniaturen hat Matthäus einen kurzen dunklen Bart, ist Markus alt und unbändig, Lukas weißbärtig, Johannes jung und unbärtig.“ Auch in der evangelischen Kirche spielen sie laut dem Schriftsteller eine große Rolle (zumindest in der damaligen Zeit): „Die Sonntage des Matthäus beginnen zu Pfingsten, die des Lukas zur Kreuzerhöhung am 15. September, die des Markus mit Fasnacht, die des Johannes’ mit dem ersten Sonntag nach Ostern. Also folgen sie sich wie Sommer, Herbst, Frühling und Winter.“
Und so zeigt auch der Blick auf diesen Altar: So manche Symbolik ist uns zwar vertraut, aber ihre eigentliche Bedeutung kennen nur noch wenige. Und kaum einem ist bewusst, dass ihre Wurzel weit über das Urchristentum zurückreichen.

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