Schwarzer Freitag

Liebe Freunde der Besinnlichkeit!

Weihnachten steht vor der Tür. Ich soll mich dringend in adventliche Stimmung versetzen. Sagt mein Umfeld. Kerzenschein. Glühweinstand. Kaufrausch. Selbstverständlich rechtzeitig. Damit noch Auswahl da ist. Wenn möglich zum Schnäppchenpreis. Wichteln. Geschenke besorgen. Wo ich doch das ganze Jahr über außer die Trafik und die Fleischkäsetheke kein Geschäft von innen sehe. Was soll ich meinen Liebsten kaufen? Socken und Unterwäsche sind laut meinen Internet-Recherchen völlig unromantisch. Überhaupt Kleidung wenig einfallsreich. Die neue Stereoanlage zu teuer. Und unser Staubsaugerroboter noch nicht kaputt. Bücher? Nun ja. Die Regale sind schon ziemlich voll davon. Und die meisten nicht einmal gelesen. Das E-Book gab‘s sowieso letztes Jahr. Außerdem haben wir uns ohnehin auf 50 Euro pro Person beschränkt. Aber dafür soll man ja jetzt eine ganze Menge bekommen. Dank dem „Black Friday“. Eine aus Amerika importierte Aktion. Rechtzeitig zum Start der weihnachtlichen Einkaufstour gibt es jetzt am Freitag Rabatte bis zu 80 Prozent. Schwarzer Freitag? Das ist nicht der, an dem die Kinder nicht mehr in die Schule gehen. Wegen des schlechten Klimas. Nein. Das ist der Tag an dem du dein Geld nicht los wirst. Weil alles so billig ist. Die Geschäfte verkaufen ihre Waren unter Preis. Nur damit der Umsatz stimmt. Herz, was willst du mehr? Am liebsten gar nichts. Denn wenn ich zwei Mal um 100 Euro etwas kaufe und dafür jeweils 50 Prozent Nachlass kriege, kostet mich das noch immer 100 Euro. Kauf ich nichts, habe ich mir 100 Euro gespart. Wo doch in meinem Kleiderschrank längst kein Platz mehr ist. Ich werde mit meinem Wirt reden. Vielleicht serviert er mir das Bier an Freitagen im Advent um zwei Euro.

Meinhard Eiter