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Telfs | Kultur | 10. Mai 2021 | Lia Buchner

Das vierte Leben des Herrn Köll

Das vierte Leben des Herrn Köll<br />
Self-made Autor und Krimiliebhaber Josef Michael Köll hat noch viel vor: sein viertes Leben hat gerade erst begonnen. RS-Foto: Buchner
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Krimi-Neuerscheinung „Specktattoo“ spielt in Telfs

Ein Tiroler Landkrimi hatte noch gefehlt. Die deutschsprachige Genreliteratur hat so gut wie jeden Flecken heile Welt als Schauplatz von Mord und Totschlag ausprobiert – aber Telfs hat noch gefehlt. Der gebürtige Telfer Josef Michael Köll schließt diese Lücke jetzt mit seinem Debütroman ‚Specktattoo‘.
Von Lia Buchner

Der Titel ist natürlich kein Zufall, denn der Autor war in einem seiner früheren Leben als Piercingsepp bekannt und Inhaber eines Tätowier-Studios in Telfs. Das war sein zweites Leben. Im dritten Leben ist er Gemeinderat, und nun scheint es Zeit zu sein für den nächsten Lebensabschnitt. Das vierte Leben.
„Den Piercing-Sepp habe ich damals bewusst als Kunstfigur erschaffen“, erzählt Köll, „auch weil von mir als Gemeinderat ein ganz anderes, seriöses Gesicht erwartet wurde. Diese zwei Figuren wollte ich immer trennen. Und jetzt schaffe ich die Kunstfigur Josef Michael Köll, den Autor“. 

Schülerzeitung. Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt, wer nicht schon in einer Schülerzeitung geschrieben hat, dem glaubt er sein Debüt als Autor nicht. Josef Michael Köll hat in einer Schülerzeitung geschrieben, er hat sie sogar mitgegründet. Schon in der Hauptschule mochte Köll das Aufsatzschreiben, gelegentlich wurden seine Arbeiten vor der Klasse verlesen. Mit 16 „sind die Gespräche in meiner Clique immer intellektueller geworden, wir wollten uns auch geistig weiterentwickeln, und wir fanden: es braucht eine Jugendzeitschrift in Telfs“. Also wurde ‚Die Mitte‘ gegründet, fand in Norbert Walser vom damaligen ‚Blickpunkt‘ einen Mentor und das Redaktionsteam fing an, im Keller eines Kollegen eine Schülerzeitung zu produzieren. Nach knappen zehn Ausgaben war dann Schluss, die meisten Freunde hatten andere Pläne und die von Walser in Aussicht gestellte Aspirantenstelle beim ‚Blickpunkt‘ „kam für meinen Vater nicht in Frage: Erst wird die Elektrikerlehre fertig gemacht. Und sein Wort war Gesetz“. 

Die Entdeckung des Krimis. Durch die ungeliebte Lehre biss Köll sich durch, wechselte dann als Sanitäter zum Roten Kreuz in Telfs, machte das Krankenpflege-Diplom und den Flugschein. Als selbständiger Krankenpfleger heuerte er bei der Flugambulanz an, flog für Dr. Schenk in Schruns: Das war sein erstes Leben. Die Freude am Schreiben geriet darüber schnell in Vergessenheit, aber das Lesen blieb. Angefangen hatte es mit einer Buchklub Donauland-Ausgabe von ‚Es muss nicht immer Kaviar sein‘, „ein wunderbares Buch. Ich habe dann alles von Simmel gelesen, was ich in die Hände bekommen konnte“. Köll bleibt beim Genre, Agatha Christie hat es ihm angetan, auch Arthur Conan Doyle mit den Sherlock Holmes Bänden. Irgendwann stolpert er über die Provinzkrimis von Rita Falk und ist begeistert. „Über die Fraktionskolumnen als Politiker habe ich schließlich meine Liebe zum Schreiben wiedergefunden.“ Und da es außer einer Tatortfolge von Felix Mitterer über Telfs noch nichts gäbe, „dachte ich mir, dann mache ich das jetzt“. 

Mörderjagd durch Telfs. Das ermittelnde Duo in ‚Specktattoo‘, der kriminalisierende Pater Severus und der eher grob geschnitzte Inspektor Johann Grassl, findet umstandslos zusammen; die Vorbilder aus ‚Pfarrer Braun‘ sind ebenso wenig zu übersehen, wie die Anspielung auf Namen von Telfer Persönlichkeiten. „Das ist natürlich reine Fiktion. Aber viele dieser Personen haben mich geprägt und inspiriert. Es gibt auch einen Metzger Michel und einen Bürgermeister, der im Zivilberuf Lehrer war.“ Sogar Piercingsepp hat einen kurzen Cameo-Auftritt – man hat ja auch Quentin Tarantino schon über die Leinwand gehen sehen.
Ein begnadeter Stilist ist Josef Michael Köll nicht, die Sätze rumpeln immer wieder gehörig. Aber Krimiliebhaber nehmen es da selten so genau, solange der Plot flott dahinrauscht. Und das tut er, temporeich wechseln die Szenerie ebenso wie der Erkenntnisstand des leicht bizarren Ermittlerduos. In mitunter verblüffend deftigen Szenen lassen die Figuren der „Engstirnigkeit, Lustigkeit und Tollpatschigkeit der ländlichen Strukturen“ inklusive jeglicher Ressentiments freien Lauf. Landkrimitypische Dorfatmosphäre steht nicht im Fokus, Lokalkolorit entsteht vorwiegend durch mal mehr mal weniger originelle Telfer Handlungsschauplätze. 

Starthilfe. Den neugierigen Telfs-Insider wird das beim Lesen freuen, die Verkaufszahlen sind jedenfalls bereits dreistellig und übertreffen die Erwartungen des Autors deutlich. ‚Specktattoo‘ ist über das Self-publishing Tool von Amazon erschienen. Der Internetriese nimmt, was hochgeladen wird, druckt erst bei Bestellung und der Autor hat lediglich für die Bewerbung seines Buches zu sorgen. Hier gibt Piercingsepp seinem Alter Ego Josef Michael Köll kräftig Starthilfe. Denn dieser hat in seinem vierten Leben noch viel vor: Eine Krimi-Fortsetzung mit gleichem Personal und neuem Fall sei bereits in Planung.
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