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Telfs | Kultur | 20. September 2021 | Lia Buchner

Keine Kompromisse

Keine Kompromisse
Blindes Verstehen: Das Gründungsteam des Obertöne-Ensembles Nenad Lecic, Mariya Nesterovska und Hubert Mittermayer Nesterovskiy. RS-Foto: Buchner
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Das Obertöne-Kammermusikfestival in Stift Stams

Das Obertöne-Kammermusikfestival ist längst ein Höhepunkt des musikalischen Herbstes in Tirol, das international besetzte Ensemble hat sich mit frischen und hellwachen Interpretationen von Kammermusik in die Herzen des Publikums gespielt. Die RUNDSCHAU hat nach dem Geheimnis ihrer Strahlkraft gefragt.
Von Lia Buchner

In der abendlichen Orangerie im Stift Stams sitzen die drei Masterminds des Obertöne-Festivals beisammen und erzählen, wie alles begann. An den Blicken der Kellnerinnen, dem Zunicken von Passanten, merkt man sofort, hier ist Heimspiel für die Obertöne-Künstler. Mariya Nesterovska, die Geigerin, Hubert Mittermayer Nesterovskiy, Fagott, und Nenad Lecic, der Pianist, sind so etwas wie die Keimzelle der Obertöne. Sie trafen sich alle drei noch als Studenten der Musikhochschule Köln und wussten im ersten Moment: sie sprechen dieselbe Sprache, musikalisch wie menschlich. „Das spürt man sofort, ob man zusammenspielen kann“ erzählt Mariya Nesterovska, „es ist ein wortloses Vertrauen, die gleiche Art, etwas zu wollen.“ Alle drei spielten zu der Zeit in Projektensembles, Hubert Mittermayer hatte dann ein Engagement als Solofagottist in einem Orchester – „im Prinzip das berufliche Ziel in meinem Fach“ – aber sie wollten mehr, oder vielleicht eher etwas Anderes. „Wir verstehen uns musikalisch eher als Band, wir wollten keine Kompromisse, wir wollten nie nur ‚zum Dienst‘ in ein Orchester gehen. Wir wollten Erfüllung in allen Lebensbereichen“, erinnert er sich.

Wie ein Instrument. Wie es der Zufall wollte, war Mariya Nesterovska wegen eines Konzertes in Tirol und wurde angesprochen, ob sie zur Neueröffnung der generalsanierten Orangerie spielen möchte. „Ich kannte Stams damals nicht und als man uns dann diesen wunderbaren Bernardisaal zeigte, waren unsere Festival-Ideen sofort wieder da“, erzählt sie. „Ein Saal ist wie ein Instrument, er klingt auf seine ganz spezielle Weise. Wir haben vorgeschlagen, im nächsten Jahr ein Konzert im Bernardisaal zu spielen und zu testen, wie er zu unserer Musik passt.“ Er passte wunderbar und Publikum wie Freundeskreis des Stiftes Stams waren begeistert. Das war der Beginn der Obertöne.

Frühstücksfernsehen. Auch bei der Zusammenstellung ihres Ensembles haben die drei extrem konkrete Vorstellungen. „Als wir einen Gitarristen suchten, wussten wir sehr genau, wie er klingen sollte. Und nach wirklich ewigem Suchen, auf Konzerten, in youtube, stießen wir auf Rafael – in einem Videoausschnitt eines uruguayischen Frühstückssenders, wo er durch Zufall ein paar Takte gespielt hatte.“ Uruguay klang schwierig, aber sie machten ihn ausfindig und hatten Glück, Rafael Bonavita lebte damals schon in Spanien – und ist seitdem unverzichtbares Ensemblemitglied der Obertöne. „Jeder von uns ist eine einzigartige Musikerpersönlichkeit. Die unmittelbare Begegnung mit der Art, wie wir Musik machen, ist für das Publikum wie ein Kennenlernen. Es gibt fast nichts Persönlicheres.“

Nicht nur Fisch. Ähnlich akribisch arbeitet das Ensemble an der Programmgestaltung. Für die Stückauswahl sind vorwiegend Mariya und Hubert Mittermayer Nesterovskiy als künstlerische Leiter zuständig, „wir hören uns den ganzen Winter nur Musik an.“ Jedes einzelne Obertöne-Konzert hat einen dramaturgischen Grundgedanken, für den sie dann Werke suchen. „Es ist ein bisschen wie das Menü eines Starkochs. Wenn die Vorspeise Fisch ist, gibt es nicht nochmal Fisch.“ Sie bauen das Programm nach Emotionen, aufwühlend vor heiter, mitreißend nach sperrig, quer durch die Epochen. Dabei stoßen sie häufig auf weniger bis unbekannte Komponisten, „die ganz wunderbare Musik komponiert haben. Da laden wir das Publikum zu einer Entdeckungsreise ein – auch durch die eigenen Gefühle.“ Als spannender Effekt dieser Vorgehensweise beginnen die einzelnen Werke miteinander in Verbindung zu treten, auch wenn es keinerlei zeitliche Verwandtschaft gibt. Es entsteht ein neuer Kontext, der die Musik so erstaunlich neu und frisch klingen lässt. „Wir haben auch schon ein ganzes Konzert rund um ein einziges Werk gebaut, das wir unbedingt spielen wollten – und am Ende haben wir genau das rausgeworfen. Es hatte einfach nicht mehr gepasst“, erzählt Nesterovska. Im Prinzip dehnt sich der Spannungsbogen über alle vier Konzerte des Festivals, „wir haben sicher 30 Stammgäste, die sich jedes Konzert anhören.“

Spitzensport. Nach den ersten erfolgreichen Spielzeiten suchten die Obertöne einen Obmann und nach viele Überlegungen schlug Paul Ganzenhuber, ehemaliger Direktor des Schigymnasiums, Obmann des Freundeskreises und Obertöne-Förderer der ersten Stunde vor, Toni Innauer zu fragen. „Schon beim ersten Treffen wussten wir, er war der Richtige. Er dachte genau wie wir, er verstand was uns antrieb – aber er wollte Bedenkzeit“, erinnert sich Mittermayer. „Spitzensportler und Musiker ähneln sich sehr, jeder folgt seinen eigenwilligen Visionen mit vollem persönlichem Risiko.“ Mariya Nesterovska ergänzt: „Toni ist wunderbar, vor jedem Konzert kommt er kurz zu uns herein, sagt irgendetwas und alle sind entspannt.“

„Klangwelt Berge“. Vor zwei Jahren kam die Obertöne-Sommermusik in den Höfen des Stifts dazu, inzwischen beansprucht das gesamte Obertöne-Projekt ein Drittel ihrer Arbeitszeit. Im Oktober startet eine Tournee mit „Klangwelt Berge“, einem gemeinsamen Projekt mit dem Innsbrucker Extrembergsteiger und Fotografen Heinz Zak. „Durch unsere Musik werden die wunderbaren Naturbilder von Heinz noch intensiver, Bild und Klang verschmelzen zu einem einzigen Staunen über die tausend Stimmungen unserer Natur.“
 
 
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