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Telfs | Kultur | 19. Juli 2021 | Lia Buchner

Premierenrausch

Premierenrausch
„Wolf“: Sophie Berger hat Angst vor dem Wolf, oder doch nicht. Mit ihrer Präsenz füllt sie mühelos einen ganzen Wald. RS-Fotos: Buchner
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Drei Premieren am Eröffnungswochenende der Tiroler Volksschauspiele

Zum Auftakt der Spielzeit 2021 boten die „Tiroler Volksschauspiele“ einen wahren Premierenrausch: drei Produktionen in drei Tagen. Sehenswert sind sie alle drei, eine könnte zur Entdeckung des Festivals werden.
Von Lia Buchner

Es war ein herrlicher Theatermarathon, mit dem die Tiroler Volksschauspiele in eine neue Ära starteten. Mit gleich neun Premieren ist der Terminkalender prall gefüllt, dazu kommt ein üppiges Rahmenprogramm. Bei der Qualität des bisher Gesehenen  wird die Auswahl allerdings schwer.

„Wolf“. Dass dieses Stück für Kinder so treffsicher in die Aufregung um Wölfe und Bären auf den Tiroler Almen passen würde, war bei der Programmierung noch nicht abzusehen. Doch Regisseur und Autor Raoul Biltgen und Darstellerin Sophie Berger haben die Aktualität sofort aufgegriffen und spielen exemplarisch durch, wie Behauptungen zu Meinungen werden und zu Wahrheiten. Guter Wolf? Natürlich, Wölfe tun nur, was alle Wesen tun wollen, fressen, lieben, leben. Der franziskanische Gedanke. Oder doch böser Wolf? Man braucht nur die sieben Geißlein zu fragen, oder Rotkäppchen. Oder einen Tiroler Schafbauern. „Was geglaubt wird, stimmt, auch wenn es nicht stimmt.“ Diese Ambivalenz von Wahrheit und Lüge kommt in einem sehr kindgerechten Ton daher. Zum Beispiel mit „pranken“, dem Lieblingsspaß der Generation Handy. Für alle Erwachsenen: „pranken“ ist jemanden reinlegen, filmen, posten, lachen. Geprankt! Sophie Berger als Äsop begeistert von der ersten Minute an. Sie agiert mit unendlicher Spielfreude, ihre enorme Präsenz füllt die Waldlichtung am Birkenberg scheinbar mühelos. Sie singt und erzählt und macht gemeinsame Sache mit dem Publikum und dreht mitten drin den Spieß wieder um. Guter Wolf, böser Wolf. Denn Menschen lügen, und sagen dann nicht: hey, prank. „Glaubt nicht alles, was man Euch erzählt. Glaubt nicht alles, was ihr denkt.“ Eine Entdeckung und unbedingte Empfehlung. Für Kinder ab acht Jahren und natürlich alle anderen, die brillantes Theater mögen. Zu sehen bis 1. August.

„Indien“. Nahezu jeder hat den Film „Indien“ damals gesehen – den großen Wurf von Josef Hader und Alfred Dorfer aus den frühen 90er Jahren – viele haben noch das „Danke, ganz lieb“ von Kurtl Fellner im Ohr. Für die spät Geborenen: „Indien“ erzählt die Geschichte des ungleichen Wirtshaustester-Paares Bösel und Fellner. Welten prallen aufeinander: Schnapsen gegen Trivial Persuit, Weitschiffen gegen indische Weisheiten. Hartnäckig verteidigen beide ihr Weltbild, bis die Lebensniederlagen des jeweils anderen sie doch zu Freunden macht. Trotz des unerwarteten Todes von Fellner ist die Tragikomödie urkomisch und berührend zugleich. Und Manuel Kandler und Franz Weichenberger gelingt beides, die Komik wie die Berührung. Doch gerade die wirklich starke Schlußszene (die hier nicht verraten wird), lässt wünschen, dass Regisseur Roland Silbernagl sich häufiger von der 30 Jahre alten Vorlage gelöst und eine mutigere Neuinterpretation gewagt hätte. Ganz wunderbar ist auch die Musik von Christian Daimbacher, der mit raffinierten Loops die Szenen musikalisch illustriert. Und Luis Auer als Wirt ist eine Klasse für sich. „Indien“ ist bis 31. Juli im Kranewitterstadl zu sehen.

„Vater“. Die Uraufführung dieses Dramas von Ekkehard Schönwiese nach der Erzählung von Hans Salcher im Garten der Villa Schindler war eines der denkwürdigen Theater-erlebnisse. Das milde Nieseln steigerte sich im Laufe des Abends zu strömendem Regen, und doch blieb das mit Regencapes vermummte Publikum gebannt von der Dramatik bis zur letzten Geste bei der Stange. In stiller Verbrüderung mit den beiden Schauspielern trotzten alle gemeinsam dem Wetter. Und wurden königlich belohnt mit einer enorm dichten Inszenierung und der großartigen Darstellung von Harald Schröpfer und Alexander Mitterer, die nass bis auf die Haut wie um ihr Leben spielten. Die Geschichte erzählt von der ambivalenten Beziehung des Malers Till zu seinem traumatisiert schweigenden Vater, und von seinem Freund Kaspar, dessen Vaters Wort Gesetz war. „Ich habe die Stimme meines Vaters in mir zum Schweigen gebracht. Vatermörder.“ Fließende Perspektivenwechsel zwischen Kind und erwachsenem Mann, zwischen Vater, Sohn und Freund machen das Stück so reizvoll. Die überaus gelungene Regie von Wolfgang Hagemann bricht die schwerfällige Wucht des klassischen Volkstheaters immer wieder mit zarten, schwebenden Bildern. Eine der stärksten Szenen zeigt den Vater am Wirtshaustisch, wie er völlig in sich gekehrt mit leiser, schöner Stimme „Flieger grüß mir die Sonne“ singt, während sein Kriegskamerad seine Wut und Verzweiflung mit donnernder Faust in den Tisch drischt. Ein wunderbarer Abend. Das Stück „Vater“ ist bis 24. Juli zu sehen, die dazugehörende Ausstellung von Hans Salcher bis 31. Juli. 
Premierenrausch
„Indien“: Franz Weichenberger, Manuel Kandler und Luis Auer (v.l.).
Wie Männerfreundschaft entsteht.
Premierenrausch
„Vater“: Schwerfällige Wucht des Volkstheaters in dichten Bildern. Schauspieler – Alexander Mitterer.
Wolfgang Hagemann inszeniert schwebend schöne Szenen. Schauspieler– Harald Schröpfer.
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