Der Tanz des Herzens

„Im Tanz mit dem in Berührung kommen, was uns berührt“ –: Das ist das große Ziel von Carola Stieber (oder Paramjyoti, wie sie sich auf der Bühne nennt). RS-Foto: Gerrmann

Durch Bewegung zum eigenen Ich: die Tänzerin Paramjyoti in Reutte

„Im Spiegel Deines Angesichts“ – dieser Film lockte vor Kurzem so viele Menschen (auch aus dem Außerfern) in den großen Saal des Füssener Kinos, dass dort kaum mehr ein Platz frei blieb. Eigentlich erstaunlich, entspricht der Dokumentarstreifen über eine „zeitgenössische Tempeltänzerin“ doch keineswegs dem Mainstream. Aber er berührt. Das zeigte sich auch, als die Hauptdarstellerin und Zentralfigur am Freitag zu Gast in den Räumen der Reuttener Lebenshilfe war.

Von Jürgen Gerrmann

Carola Stieber stammt aus dem Südschwarzwald, als Tänzerin heißt sie Paramjyoti. Was im Sanskrit „höchstes Licht“ bedeutet. Und das Licht will sie offenkundig unter die Menschen bringen – sowohl durch den zweistündigen Film (nähere Informationen findet man im Internet unter www.movingintotheinfinite.com) als auch durch die Abende, bei denen man (wie in Reutte) mit ihr singen, tanzen, sich bewegen und dadurch zu sich selbst kommen kann.
Im Film fasziniert ihr „Tanz des Herzens“ nicht zuletzt als friedens- stiftendes Medium – zwischen den Völkern, aber auch zwischen den Religionen. Denn Paramjyoti tanzt sowohl in indischen Tempeln als auch unter den Sufis im Iran oder in einer katholischen Wallfahrtskirche bei Bühl überm Rheintal.
Ihre Überzeugung: „Jeder Mensch kann durch den Tanz mit sich in Frieden kommen.“ Obwohl sie nicht im politischen Sinne aktiv sei, so erlebe sie sich doch auch als „Bindeglied zwischen verschiedenen Gruppen und auch Religionen.“
„Manchmal bringe ich schon mit meinen Mitteln eine Botschaft, die Frieden schafft“, sagt die 45-Jährige im Gespräch mit der RUNDSCHAU. Der Tanz könne einem helfen, „wacher, achtsamer, wahrnehmender“ zu werden.

Der Kreis des Lichts.

Dabei ist Carola Stieber als Tänzerin eher eine „Spätberufene“. Als sie 16 Jahre alt war, machte ihre erste spirituelle Lehrerin die Gymnasiastin auf diese Begabung aufmerksam: „Ab da war klar – Tanz kann mein Medium sein.“ Erst mit 18 begann sie, Ballett zu lernen, mit 25 schloss sie ihre Ausbildung an der Amsterdamer Hochschule für Kunst ab – mit dem Hauptfach moderner Tanz.
Was sie jetzt weitergibt, das war aus ihrer Sicht schon immer da, aber wollte erst durchs Suchen entdeckt werden, Schritt für Schritt. Ein ganz wichtiges Ereignis sei da ein interkulturelles Treffen gewesen, bei der ihr eine alte indianische Frau gesagt habe: „Du bist so sehr verbunden mit dem Kreis des Lichts!“

Drei wichtige Länder.

Den verschiedensten Facetten des Lichts hat sie wohl ihr ganzes Leben lang nachgespürt. Ein erster großer Schwerpunkt war dabei Indien – sieben Jahre lang pendelte sie über große Zeitabschnitte immer wieder dorthin. Ein wichtiger Lehrer „lehrte mich dabei, was ich nicht bin – danach habe ich geahnt, was ich bin.“
Ein ganz wichtiger Ort sei auch der Kibbuz Noet Semadar in Israel für sie geworden: Eine Stunde von Eilat entfernt habe sie diese Gemeinschaft in der Wüste durch ihre „Beseeltheit und Stille“ sehr beeindruckt.
Überaus bereichert habe sie auch die Sufi-Tradition in einem Dorf im Iran. Diese „innerlich schönen Menschen“ hätten sie zu sich eingeladen: „Ohne irgendwelche Bedingungen oder etwas haben zu wollen.“ Wie würdevoll sich deren Persönlichkeit „auch oder mit diesem Staatssystem“ entwickle, das sei einfach faszinierend: „Und es hat mich sehr berührt, dass bei ihnen der Geist an erster Stelle steht – die Zuwendung zu Gott. Das sind schon andere Prioritäten als bei uns im Westen.“

Der Tanz und die Freude.

All diese Eindrücke haben in ihr die Gewissheit gefestigt: „Tanz kann ein Schlüssel für die Menschen sein, mit dessen Hilfe sie sich öffnen und das entdecken können, was sie zu entdecken bereit sind.“ Es brauche dazu gar nicht viel: Kinder bewegten sich frei und freudig im Tanz, ohne nachzudenken, ob das nun „richtig“ oder „falsch“ sei. Ein katholischer Priester in Grießen in ihrer Schwarzwald-Heimat habe ganz richtig gesagt: „Tanzen tun wir nur in Freude.“
In ihrem „Tanz des Herzens“ gehe es darum, all die einengenden Gedanken (wie: „Ich kann gar nicht tanzen.“) loszulassen und loszuwerden. Carola Stiebers Ansatz: „Einfach in sich hineinspüren, wo wir gerade sind – und Kontakt aufnehmen mit dem, was uns liebenswert ist.“ Dadurch brächen Klischees auf und Gefühle sich Bahn – wie bei der Frau, die beim „Herzens-Tanz“ die Hände zum Himmel gereckt habe und der dann aufgefallen sei: „Mein Gott, ich hab mich in meinem ganzen Leben noch nie so groß gemacht.“
Dadurch, dass man in der Bewegung in Kontakt mit dem komme, was einen berühre, brächen auch Barrieren zum eigenen Ich ein: „Die Schritte, die wir im Tanz gehen, können wir auch in der Welt gehen. Auf jeden Fall besser. Denn wir sind sie ja schon mal gegangen.“
Der Mut, sich zu öffnen und sich aus den altvertrauten Rollen hinaus zu wagen, wächst für Paramjyoti „mit dem Erkennen, wer wir sind – beziehungsweise nicht sind.“ – „Und dann fällt auch das Beurteilen von sich und anderen Menschen weg.“

Dialog mit sich selbst.

Tanz sei auch Dialog mit sich selbst, wobei einem das Grundwerkzeug helfe: Bewegung, Atem und Geist zu synchronisieren, könne einen in Einklang bringen – und zwar nicht entfernt von sich selbst, sondern „im Kontakt mit dem, das wirklich da ist.“– „Und dann ist es einfach schön, wenn es stiller wird und die eigene Geschichte an Wichtigkeit verliert. Man ist präsent in dem, was da ist, und weder Vergangenheit noch Zukunft holen einen ein. Dann ist man auch weniger hart zu sich selbst.“

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