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Landeck | Chronik | 16. November 2020 | Von Herbert Tiefenbacher

Doppelter Meilenstein

Doppelter Meilenstein<br />
Direktor Karl Helmut Pauli sieht die Änderungen durch das neue „Pädagogik Paket“ durchaus kritisch. RS-Foto: Tiefenbacher
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„Hauptschule Landeck“ geht in alten Mauern neue Wege

100 Jahre Hauptschule Landeck – nicht viele können auf so eine lange Geschichte verweisen. Ihren Hunderter wollte die Schule am 18. Oktober feiern. Doch die Zeit entschied anders – sie gönnt der Schule diese Feier nicht.
Von Herbert Tiefenbacher

Anstelle des Berichtes über das Jubiläumsfest nimmt die RUNDSCHAU die geschichtliche Entwicklung der Schule in den Blick, insbesondere die pädagogischen Herausforderungen, mit denen die Schule konfrontiert war und ist. Dies ist mehr als erwähnenswert, denn die Bildungseinrichtung hat sich in diesen 100 Jahren von einer reinen „Ausleseschule“ zu einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen entwickelt.

DAS SCHULHAUS. Ein herausragendes Ereignis in der 100-jährigen Geschichte der Schule ist ohne Zweifel der Bau des neuen Schulhauses in den Jahren 1927/28. Es handelt sich dabei um die erste Hauptschule im Bezirk Landeck, erbaut nach den Plänen des bedeutenden Architekten Clemens Holzmeister. Das Gebäude in Landeck zeigt sich auch nach so vielen Jahren nahezu unverändert und gilt als Lehrbeispiel der Schularchitektur des 20. Jahrhunderts. Der damit verbundene Denkmalschutz erschwert die längst fällige bauliche Anpassung des Schulgebäudes an die aktuellen Anforderungen. Aus diesem Grund bemüht sich Direktor Karl Helmut Pauli seit vielen Jahren um die Ausarbeitung eines umfassenden Konzeptes zur Sanierung und Adaptierung des ehrwürdigen Gebäudes.

MEILENSTEIN. Schon die Gründung der Bürgerschule Landeck im Jahr 1920 war ein bildungspolitischer Meilenstein und ein wichtiger und gleichermaßen mutiger Schritt für die Zukunft nicht nur der Stadt, sondern des ganzen Bezirkes. Die dann 1926 als Bürgerschule geplante und 1928 als Hauptschule Landeck in Angedair eröffnete Bildungseinrichtung für 10- bis 14-Jährige ist aber in der Geschichte der Schulbildung im Bezirk Landeck ein Meilenstein in doppelter Hinsicht: Erstens wurde der gelungene Neubau als modernster Schulbau in den Alpenländern bezeichnet. Und zweitens wurde damit seitens der damaligen Stadtpolitik der wachsenden Bedeutung einer guten Schulbildung Rechnung getragen. Konzipiert war die Hauptschule wie ihre Vorgängerin, die Bürgerschule, als eine Ausleseschule für besser Begabte. Schüler mit überdurchschnittlichen Grundschulleistungen sollten hier für gesellschaftswichtige Berufe oder eine weitere schulische Ausbildung, wie z.B. Meisterlehre, Lehrerbildungsanstalt und Fachschulen, vorbereitet werden. Manfred Jenewein merkt dazu in seinem umfassend recherchierten Buch „100 Jahre Hauptschule Landeck“ an, dass es „für viele Schüler aus dem ganzen Bezirk bis in die 1950er-Jahre ein Privileg war, in die neben der privaten Mädchenhauptschule im Zammer Kloster einzige Hauptschule gehen zu dürfen.“ Das pädagogische Konzept war sehr stark auf das Vermitteln von Wissen ausgerichtet.

PÄDAGOGIK. Heute ist Wissensvermittlung nur Teil des Unterrichts und Schullebens. Dies resultiert daraus, dass sich die Gesellschaft veränderte und mit ihr auch die Anforderungen an die Schule – sie sind gewachsen und komplexer. Ihre Aufgabe heute ist es, allen Schülern Grundlagen mitzugeben, den ständig neuen Herausforderungen begegnen zu können, sich an Entscheidungen in der Gesellschaft zu beteiligen und ihre Potenziale und Fähigkeiten zu erkennen und zu nutzen. In diesem Zusammenhang betont Direktor Pauli, dass an seiner Schule der Grundsatz gelte: „Der Fokus ist nicht auf Fehler und Schwächen der Schüler zu legen, sondern auf ihre Stärken, denn nichts ist motivierender als die Anerkennung der Person oder einer erbrachten Leistung.“

DAS ENDE DER AUSLESESCHULE. Das Orientieren der Schule an die jeweiligen gesellschaftlichen Veränderungen gab immer wieder Anlass für bundesweite Schulreformen. Dabei wurden an den Schultypen inhaltliche und namenstechnische Änderungen vorgenommen. So wurde ab dem Jahr 1962 das Ende der achtstufigen Volksschulausbildung eingeläutet. Das bedeutete, dass man nach der 4. Klasse Volksschule entweder in die Hauptschule oder ins Gymnasium wechseln musste. Mit der Einführung des 2. Klassenzuges an der Hauptschule im Jahr 1964 ging auch ihre Funktion als Ausleseschule zu Ende. Mitte der 80er-Jahre wurden schließlich die Klassenzüge durch Leistungsgruppen in Deutsch, Englisch und Mathematik ersetzt.

NEUE MITTELSCHULE. 2011 wurden die ersten Klassen als Neue Mittelschule eingeführt und somit wurde die Umwandlung der Hauptschulen zu Mittelschulen eingeleitet. Die Umstellung diente in erster Linie dem Ziel, die Qualität des Lernens und Lehrens zu erhöhen, die Chancengleichheit zu verbessern, eine Leistungsverbesserung zu erreichen und den Schülern Fähigkeiten zu vermitteln, dass sie selbst in der Lage sind, sich selbst zu organisieren (Lernen und Arbeiten) und damit Erfolg haben. Die Neue Mittelschule war ein durchdachtes und in sich schlüssiges Konzept für eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen. Die flächendeckende Einführung dieses Schultyps war ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

BEGEISTERUNG KLINGT ANDERS. Mit dem Schuljahr 2020/21 ersetzt nun die Mittelschule (MS genannt) die Neue Mittelschule (NMS) als Pflichtschule für die 10- bis 14-Jährigen. Diese MS führen ab der 2. Klasse in Deutsch, Englisch und Mathematik zwei Leistungsniveaus („Standard“ und „Standard-AHS“) mit je fünfteiliger Notenskala, denen die SchülerInnen zugeordnet werden. Selbstverständlich kann man während des Schuljahrs von einem Leistungsniveau in das andere wechseln. Was Direktor Pauli zu dieser Änderung sagt, klingt nicht gerade nach Begeisterung: „Ich sehe es nicht als Weiterentwicklung, wenn wir zu einem Modell aus dem vorigen Jahrtausend wechseln. Die grundlegende Frage ist: Mit welchem Schulsystem können wir Schülerinnen und Schüler besser für die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten, mit einem selektiven oder einem gemeinsamen?“ Seine Antwort ist klar: „Das selektive System ist ein überholtes Modell. Es raubt uns viele Möglichkeiten, zeitgemäßes pädagogisches Denken nutzbringend zu verwenden. Wirklich weiterbringen würde uns die gemeinsame Schule für alle.“



Oftmals Vorreiter im Bezirk

Die „Hauptschule Landeck“ nahm immer wieder eine Vorreiterrolle innerhalb der Pflichtschulen für die 10- bis 14-Jährigen im Bezirk Landeck ein.

Beispiel eins. Sie war die erste Schule (5. bis 8. Schulstufe) im Bezirk, die eine sehr starke Zunahme von Kindern mit nichtdeutscher Erstsprache verzeichnete und sich deshalb mit dieser Thematik intensiv auseinandersetzte. Mittlerweile bewegt sich der Anteil zwischen 40 und 50 Prozent. Das Thema „Unterrichten von und mit Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache“ ist seither ständiger Begleiter. Man setzt auf das Prinzip Gemeinsames Miteinander. „Wir unterstützen diese Schüler gemeinsam beim Deutschlernen und bei der Sprache aufzuholen. Um diesen jungen Menschen eine Chance auf schulischen Erfolg zu geben, um es ihnen leichter zu machen, einen Ausbildungsplatz zu finden. Bessere Deutschkenntnisse erhöhen aber auch die gesellschaftlichen Chancen und helfen ihnen, sich besser zu integrieren“, erklärte Direktor Pauli.

Beispiel zwei. (Schulische) Inklusion ist ein Gebot der Stunde. An der Hauptschule Landeck führte man bereits im Jahr 1993 als erste Schule der Sekundarstufe 1 im Bezirk eine integrative Klasse. Das bedeutet, dass bereits seit mehr als 25 Jahren Kinder mit HS/MS-Lehrplan (Haupt-/Mittelschule) und ASO-Lehrplan (Allgemeine Sonderschule) gemeinsam in die Schule gehen.

Beispiel drei. Mit dem Schuljahr 2020/21 setzt die MS Landeck einen weiteren Schritt in die Zukunft. Sie startete mit zwei Mehrstufenklassen mit dem Ziel, das Modell auszubauen. Hier lernen Kinder unterschiedlichen Alters gemeinsam in einem Klassenverband. Dadurch gelingt der „pädagogische Idealfall“, dass die Kinder einander den Lehrstoff auch gegenseitig erklären und vermitteln. Das Modell der Mehrstufenklasse entspricht dem Anspruch moderner Schule. Hier gibt es einen Austausch mit der VS Angedair.
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