Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Kultur | 19. September 2022 | Jürgen Gerrmann

Die sieben Zufluchten

Dem strengen Bildprogramm der Sieben Zufluchten folgt auch das Altarbild der Dreifaltigkeitskirche im Berwanger Ortsteil Gröben: die Dreifaltigkeit thront oben – und unten am Bildrand ist der Platz der Armen Seelen. RS-Foto: Gerrmann
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Kapellengeschichte Gröben Dreifaltigkeitskirche
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In der Dreifaltigkeitskapelle in Gröben findet man ein fast vergessenes spirituelles Motiv

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und hat der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Heute geht’s nach Gröben.
Von Jürgen Gerrmann.
Wenn kein Schnee oben in den Bergen liegt, zählt die Wanderung von Berwang hinauf zum Hönig (oder auch zum Roten Stein) ganz sicher zu den schönsten und eindrucksvollsten im gesamten Zwischentoren. Egal, welchen Gipfel man nun dabei auswählt: Man kommt auf jeden Fall an der Dreifaltigkeitskirche in Gröben vorbei – und sollte sich einen Abstecher hinein eigentlich nicht versagen.
Das Altarbild lenkt dabei die Aufmerksamkeit vom ersten Moment an auf sich. Eigentlich lässt sich nur von ihm mit Sicherheit sagen, wann es entstanden ist. Denn darunter kann man bei genauem Hinschauen diese Inschrift entdecken: „Franz Anton Strele hat dieses Bild zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit und 7 Zufluchten machen laßen und an hero verehrt. Anno 1758.“

IM BAROCK BELIEBT.
Was die Heilige Dreifaltigkeit (oder Dreieinigkeit) ist, das wissen wohl auch heute noch viele: Sie wird von Vater, Sohn und Heiligem Geist gebildet. Doch, was sind die sieben Zufluchten? Dieses Motiv des katholischen Glaubens findet man heute kaum mehr – auch wenn es zur Barockzeit große Popularität besaß und besonders in Bayern, Tirol und Salzburg verehrt wurde. Und das lag am katholischen Theologieprofessor Tobias Lohner, der vor 403 Jahren in Neuötting geboren wurde – also nur zwei Kilometer vom weltberühmten Gnadenbild der  Schwarzen Muttergottes im benachbarten Altötting entfernt. Davon war er vermutlich geprägt, denn der Jesuit (der zum Rektor der Hochschulen Luzern und Dillingen avancieren sollte) engagierte sich nicht zuletzt in der Gegenreformation – also im Bemühen, die von Martin Luther ins Leben gerufene Alternative des christlichen Glaubens wieder zurückzudrängen. Der Oberbayer veröffentlichte als 70-Jähriger das Buch „Heylwürckende Andacht der Gottliebenden Seelen zu den Siben Zufluchten“. Und landete damit einen Riesenerfolg.
Dabei ging er ganz systematisch vor: Jede dieser Zufluchten, die man in der Not anrufen konnte, verband er sowohl mit einem Wochentag als auch mit einem Glaubensfest. Der Dreieinigkeit war natürlich der Sonntag gewidmet – plus der Dreifaltigkeitssonntag eine Woche nach Pfingsten. Am Montag ging es freilich von der Höhe in die Tiefe: Die Armen Seelen, die er mit diesem Wochentag zusammenfügte, mussten nämlich im Fegefeuer schmoren, hatten aber immerhin die Gewissheit der  Erlösung. Denn aus dem Purgatorium (so der lateinische Name) gibt es nur einen Ausgang. Und der führt in den Himmel. Dass dabei auch die Gebete der noch lebenden Angehörigen und Freunde helfen sollen – daran erinnert das katholische Fest Allerseelen.
Zu den aus heutiger Sicht wohl populärsten Himmelswesen führt der Dienstag: den Engeln. „Abends, wenn ich schlafen geh, 14 Engel um mich steh'n“ – viele dürften sich an den Abendsegen erinnern, den ihnen die Mutter vor dem Einschlafen am Bettchen zugesprochen (oder zugesungen) hat, als sie noch klein waren. Zwei Drittel der Deutschen (und vermutlich auch mindestens genauso viele der Österreicher) glauben an einen Schutzengel, egal, welche Konfession sie haben und auch wenn sie gar keine haben. Der Glauben an den persönlichen Schutzengel dürfte somit stärker sein als der an Gott. Und auf jeden Fall größer als das Vertrauen in die eigene(n) Kirche(n). Das von Lohner mit ihnen in Verbindung gebrachte Schutzengelfest ist übrigens am 2. Oktober. Den Mittwoch (und selbstverständlich den 1. November) hat der Jesuit wiederum den Heiligen reserviert. Bei denen gibt es indes in den christlichen Religionen schon deutliche Unterschiede: Für alle sind sie Vorbilder im Glauben. In katholischen Regionen werden sie indes zudem um Hilfe in allerlei Not angerufen, Martin Luther lehnte dies freilich ab, weil er Chris-tus als einzigen Vermittler zwischen Mensch und Gott sah. An die „Gemeinschaft der Heiligen“ glauben jedoch alle, die das apostolische Bekenntnis sprechen. Damit sind indes keine besonders Frommen gemeint, sondern (verkürzt gesagt) alle, denen das Heil Gottes zugesprochen ist. Also alle Getauften.
Am Donnerstag sollte man sich dann dem „allerheiligsten Sakrament“ des Altares zuwenden, das ja auch am Fronleichnamsfest über die Felder getragen wird. In der Eucharistie soll die Gegenwart Christi deutlich und gefeiert werden.
Niemand verwundert es wohl, dass der Theologieprofessor den Freitag dem Gekreuzigten zuordnete, der den Menschen die Erlösung bringt. Und der Samstag steht letztlich im Zeichen seiner Mutter: Maria. Auf dem Zufluchts-Tableau teilte er das Fest Mariae Empfängnis (8. Dezember) zu – und zwar fast 200 Jahre bevor die unbefleckte Empfängnis vom Vatikan überhaupt erst zum Dogma erhoben wurde. Allerdings hatte Kaiser Ferdinand schon 1646 „die Weihe Österreichs an die unbefleckt Empfangene“ verkündet.

AUCH STRENGES BILDPROGRAMM.
Zu dem theologischen Programm der Sieben Zufluchten gesellte sich übrigens schnell auch ein ikonographisches (also bildhaftes): Gewissermaßen das „Urbild“ schuf dabei der Wittelsbacher Hofmaler  Antonio Domenico Triva – ein italienischer Barockmaler aus der Emilia, der vom bayerischen Kurfürsten Ferdinand Maria nach München geholt worden war, für eine Seitenkapelle der Frauenkirche seiner Hauptstadt. Und das bereits zwei Jahre nach Erscheinen von Lohners oben erwähntem Buch. Daran orientierten sich im Grunde alle, die sich diesem Motiv zuwandten – auch der Maler des Altarbildes von Gröben: Ein Kelch bildet als Symbol der Eucharistie den Mittelpunkt, rechts ist Maria zu finden, links der Gekreuzigte und die Heiligen – und die Armen Seelen braucht man auch nicht lange zu suchen. Sie sind selbstverständlich unten...
Über allem thront die Dreifaltigkeit. In Gröben besonders interessant: Der Heilige Geist ist dort keine Taube. Sondern auch ein Mensch.
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